Charles Portis – The Dog of the South

Charles Portis – The Dog of the South

Charles Portis ist ein Autor aus den USA, aus dem Süden, aus Arkansas. Und worum sollte es in „The Dog of the South“ auch sonst gehen, wenn nicht um den Süden, wie es der Titel schon sagt. Bereits nach den ersten Zeilen weiß man, woran man ist: Ray Midges Frau ist mit seinem Kumpel Dupree durchgebrannt, sie haben ein Gewehr aus Midges Waffensammlung und seinen Ford Torrino mitgenommen, und nun wartet Midge, bis die Kreditkartenrechnungen eintreffen, um die Verfolgung aufnehmen zu können.

Ein On-the-road-Roman also, Hard-boiled-Südstaaten-Literatur wie sie im Genre-Buche steht, mit wortkargen Typen, einer öden Landschaft, einem Mann, der das Gesetz in die eigene Hand nimmt und sich zurückholt, was ihm gehört. Der ewig erneuerte Mythos vom rauen Westen. Aber in diesem Roman ist vieles nicht so, wie es auf den ersten Blick scheint.

Denn es gibt da ein Problem: Der Autor Portis kommt zwar aus dem Süden, doch ist Arkansas vielleicht nicht weit genug im Süden, der Autor zu vielschichtig für reine Genre-Literatur. Andererseits schießt der Roman selbst weit über „den Süden“ hinaus. Ray Midge landet nicht in Louisiana, sondern in Belize.

Auch ist der Erzähler Ray Midge nicht unbedingt wortkarg und ganz und gar kein Held. Und die Waffen und Autos? Tja, die findet Midge zwar interessant, doch er begnügt sich damit, seine Gewehre und Revolver bloß in Schuss zu halten, und bei Autos ist es für ihn entscheidend, rechtzeitig einen Ölwechsel vorzunehmen, damit sie lange fahrtüchtig bleiben. Ray Midge ist eine Art Kleinstadt-Woody Allen, ohne dessen ausschweifende Libido. Ein Neurotiker und Pedant par excellence, der von den Zuwendungen seines Vaters lebt. Sein ehemaliger Kollege Dupree entpuppt sich als Schmalspur-Revoluzzer ohne Charisma dafür mit jeder Menge Dünkel, der in jeder Bar verprügelt wird und auch sonst nichts auf die Reihe bekommt. Hier geht es nicht um die stahlharten Männer, die den Westen eroberten, sondern um deren verweichlichte Enkelsöhne.

Portis spielt mit den Erwartungshaltungen des Lesers, führt ihn auf falsche Fährten, schickt ihn mit Midge auf eine Irrfahrt voll von staubtrockenem Humor, manchmal sogar Slapstick, voller skurriler Begegnungen und scheinbarer Banalitäten. Der Roman mäandert durch den Süden, nicht nur der USA, sondern er geht darüber hinaus. Ray Midge ist ein Verfechter des „travelling without moving“, und als er sich doch gezwungen sieht, etwas zu unternehmen, nimmt er sein Schicksal endlich in die Hand und macht sich auf den Weg. Doch hat er sich am Ende wirklich verändert? Hat er sich nicht viel mehr, wie es seine Art ist, vom Zufall treiben lassen? Der Roman gibt sich als eine Art gescheiterter Entwicklungsroman, als scheinbar willkürlich irrlichternde Odyssee. Doch Portis weiß ganz genau, was er tut. Unter der Oberfläche einer vermeintlichen Beliebigkeit finden sich etliche wiederkehrende Motive, unter Albernheiten blitzt manchmal Traurigkeit und Orientierungslosigkeit hervor. Portis demontiert nicht nur den Süden, sondern auch tradierte Roman- und Erzählstrukturen. Nie gibt er dem Leser, was er will oder erwartet. Jemandem aber, der bereit ist, sich auf den Roman einzulassen, hat er vielleicht doch mehr zu bieten als schrullig humoristische Anekdoten. Auch wenn dieser trockene, pointierte Humor allein bereits ausreichte, Portis bedenkenlos einem Freund weiterzuempfehlen. Allerdings nur einem, der bereit ist, sich auf einen ungewöhnlichen Roman einzulassen.

Charles Portis war nie ein Liebling der Leser. Wenn überhaupt, ist er den meisten nur als Autor von „True Grit“ bekannt, der vor einigen Jahren von den Coen-Brüdern neu verfilmt wurde. Natürlich verstehen es die Coens, den Stoffen, die sie sich zur Brust nehmen, ihren eigenen unverwechselbaren Stempel aufzudrücken, doch in Portis Romanen ist dieser Coen-Faktor, wenn man so will, bereits tief eingeschrieben – der trockene Humor, die skurrilen Figuren, die Traurigkeit, die unter der so leicht erzählten Oberfläche schlummert.

Es steht nicht zu vermuten, dass Portis dereinst noch zum Megaseller avancieren wird, dazu hat er zu wenig geschrieben, dazu verweigert er sich zu sehr der Öffentlichkeit, dazu scheren sich seine Romane zu wenig um den Geschmack der breiten Masse, auch wenn er von Kritikern im amerikanischen Raum gefeiert wurde und wird und unter vielen Eingeweihten als „cult author“ gilt. Vielleicht sollte aber gerade deswegen auch einem deutschen Lesepublikum die Möglichkeit geboten werden, sein Werk besser kennenzulernen, denn Charles Portis ist eine unverwechselbare Stimme und hat mehr zu bieten als bloße Unterhaltung. Die gibt es in „The Dog of the South“ aber natürlich auch, und zwar reichlich.

Charles Portis – The Dog of the South. Bloomsbury, 2005.

Materialien im Netz:

– Ein 2010 in der New York Times erschienener Artikel über Charles Portis.

– Ausführliche Würdigung Charles Portis in Dave Eggers Literaturmagazin The Believer.

Fanpage mit zahlreichen Links, u. a. zu einem der seltenen Interviews mit Charles Portis.

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