The firstborn’s not dead – Nick Caves „And the Ass Saw the Angel“

Pünktlich zum Kinostart der neuen Doku-Fiction über Nick Cave, „20000 Days on Earth“, nehmen wir den ersten Roman des umtriebigen Künstlers noch einmal unter die Lupe. „And the Ass Saw the Angel“ erschien bereits 1989, also vor einem Vierteljahrhundert, und obwohl sich Nick Cave mittlerweile künstlerisch deutlich weiterentwickelt hat, lassen sich im Roman etliche Motive finden, die sein Werk auch heute noch beeinflussen.

Der Protagonist und „stumme“ Erzähler Euchrid Eucrow wird in ein nicht gerade lebensfreundliches Umfeld geboren. Die Mutter eine Säuferin, der Vater ein Fallensteller, er selbst spricht nicht und ist in dem religiös fanatischen Südstaatenkaff, in dem er aufwächst, schon von Beginn an ein Außenseiter und den sadistischen Anfeindungen seiner Umwelt ausgesetzt. Kein Wunder also, dass die Sache nicht gut ausgehen kann.

Der Westen erstrahlte 1989 schon lange nicht mehr im Hollywood-Glanz, und auch in Caves Roman gibt es keine glorreichen Helden mehr. Hier regieren der Prophet und seine Schwester, die Profitgier – the prophet and the profiteer –, irre Prediger und schließlich der Mob. Alles hier ist archaisch und viehisch. Es wird gesoffen und geflucht, gewichst und geprügelt. Der Roman spielt in den 1940er und 50er Jahren, als der Westen doch eigentlich schon längst hätte gewonnen sein sollen, und trotzdem wird in ihm eine Art Hölle im Niemandsland beschrieben, voller Bosheit und Grausamkeit und Unaussprechlichkeiten.

Die Sprache des Romans ist, wenn der stumme Erzähler zu Wort kommt, manchmal ebenso verstümmelt wie die von seinem Vater Pa Eucrow gefangenen Tiere, durchsetzt von Lautmalerei, bei der jedes „ich“ des Erzählers ein Stöhnen ist, jedes englische „I“ durch „Ah“ wiedergegeben wird; daneben (bei Cave nicht überraschend) Bibel-Jargon, oft auch poetisch reimend, voller Alliterationen und einem musikalischen Rhythmus, häufig obszön, manchmal manieriert und barock altmodisch und manchmal findet sich ein fast schon wissenschaftliches Vokabular. Dadurch entsteht eine ganz eigene Atmosphäre, die stellenweise vielleicht gar an die opulenten sprachgewaltigen Beschreibungsorgien eines Edgar Allen Poe erinnert, wohl nicht ohne Grund hört der Prediger im Roman auf denselben Nachnamen. Dabei wechselt sich der Ich-Erzähler mit einem auktorialen Erzähler ab, mit collageartig montierten Dokument-Fetzen, etwa Tabellen über Geburten- und Sterberaten oder einem Flyer.

Im zweiten Kapitel dann eine Welt, in der der Regen nicht mehr aufhören will. Die große Flut am Mississippi klingt aus den zahllosen Blues-Liedern nach: High water rising, rising night and day. Und natürlich aus der Bibel: Noah und die Sintflut, eine Flut, die alles zu ersaufen droht, bei der es so kontinuierlich umgangssprachlich „pisst“, dass der Eindruck entsteht, es regne nicht Wasser auf die Welt nieder, sondern hier sei ein Gott am Werk, der auf seine missratene Schöpfung uriniert.

Im dritten und letzten Teil dann das Psychogramm eines Wahnsinnigen, in dem der Protagonist und Erzähler Euchrid Eucrow auf Gottes Geheiß eine Festung errichtet, und die Mauer, die er um diese Festung zieht, schließt nicht nur seine Mitmenschen aus, sondern leider auch den Leser. Euchrid tritt in die Fußstapfen seines Vaters, quält Tiere, wird zum Mörder. War er in den ersten beiden Teilen des Romans häufig Opfer einer sadistisch-archaischen Mythenwelt, in der der Mob regiert, bot er noch eine Identifikationsfläche. Nun, als dem Wahnsinn verfallener Psychopath, wird dem Leser die Figur zunehmend fremd. Auch erscheint diese Psychologie des Wahnsinnigen oft doch recht hausbacken. Der Umfang des dritten Teils entspricht fast dem der beiden ersten, sodass das Ganze doch irgendwann langatmig wird, zumal sich kaum äußere Handlung findet und die inneren Monologe des Ich-Erzählers schon bald nichts mehr wesentlich Neues oder Erhellendes liefern. Lediglich das Musikalisch-Rhythmische einzelner Passagen kann noch überzeugen.

Viele Motive in Nick Caves Roman „And the Ass Saw the Angel“ sind aus seiner Musik bereits bekannt: Irre Priester, die mit zwei sechsschüssigen Revolvern durch die Orte an der Grenze zur Wildnis ziehen und nicht die frohe Botschaft verkünden, sondern einem alttestamentarischen Rachegott huldigen, der von seinem gehörnten Widerpart kaum zu unterscheiden ist. Auch das Motiv der großen Flut, in Caves Musik dem Country Blues entlehnt, kommt, wie schon erwähnt, vor, angekündigt als das große Unheil, als eine Art biblisches „Tier“ – ein „it“, bei dem man die Zeilen aus „Tupelo“ im Ohr zu haben glaubt: Looky-looky yonder, the beast it cometh, cometh down. Der Mythos der Erschließung des Westens, der Gründungsmythos Amerikas, wird hier ein Mythos im Sinne Walter Benjamins, einer, der die Welt nicht verfügbarer macht, sondern der ins Verderben führt. Die Wildnis wird bevölkert von Krähen, die einander die Augen aushacken, ist durchzogen von stinkenden, dunklen Sümpfen. Tierfallen erscheinen hier wie anorganische Dämonen mit aufgerissenen Mäulern, aus denen der geifernde Speichel als schmierig schwarzes Öl tropft, die nicht töten, sondern nur zuschnappen und verstümmeln sollen. Ein Grenzland voller religiöser Fanatikern, Ausgeburten der Hölle, die durch die Hügel streifen, durch Generationen von Inzucht degenerierte und vom Wahnsinn zerfressene Hinterwäldler, Highwaymen, die ahnungslosen Reisenden auflauern und sie pfählen.

Nick Caves Verdienst ist es, den Schauer aus dem 18.Jahrhundert in die popkulturelle Gegenwart einbezogen zu haben, musikalisch etwa, indem er sich an den noch verhältnismäßig jungen US-amerikanischen Volksmythen abarbeitet und sie transformiert und modernisiert. Dabei greift er in seinem Gesamtwerk immer wieder Themen und Bilder der Romantik auf, man denke etwa an das Video zu „Where the Wild Roses Grow”, in dem die Sängerin Kylie Minogue als elfenbeinweiße im Fluss treibende Frauenleiche zu sehen ist, ein Motiv, das sich bereits Mitte des 19. Jahrhunderts auf den Gemälden der Präraffaeliten fand. Nicht umsonst gilt Cave als einer der bedeutendsten Vertreter des Gothic Rock, und auch in seinem Romanerstling findet sich Caves Programm literarisch umgesetzt. Wo er sich jedoch in „And the Ass Saw the Angel“ zu sehr auf die Darstellung eines Psychopathen einlässt, wird der Roman zunehmend ermüdend und ist wenig erhellend, sondern grausam, scheinbar einfach um der Grausamkeit selber willen.

Nick Cave – And the Ass Saw the AngelPenguin, 2009.

Deutsch als Und die Eselin sah den Engel in der Übersetzung von Werner Schmitz 1993 bei Piper erschienen.

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