Im Western nichts Neues? Pete Dexters „Deadwood“

Pete Dexters „Deadwood“ sei ein Western, heißt es. Und tatsächlich deutet alles darauf hin. Der Ort der Handlung: Das titelgebende, provisorisch aus dem Boden gestampfte Goldgräberstädtchen Deadwood, gelegen an der Grenze zu den Black Hills, letzter Außenposten der vermeintlich zivilisierten Welt des weißen Mannes. Ein Großteil der Handlung spielt im Jahr 1876, das Personal sind historische Figuren, von denen manche in der US-amerikanischen Westernmythologie zu Legenden geworden sind und auch einem deutschen Lesepublikum bekannt sein dürften, das mit dem Western als Genre nichts am Hut hat, vor allem Wild Bill Hickok und Calamity Jane Cannary. Daneben treten eine ganze Reihe Figuren auf, die es nicht zum Legendenstatus gebracht haben, aber trotzdem historisch verbrieft sind, etwa Sol Star, Al Swearingen oder Boone May. Dexter stutzt in seinem Roman die Legenden auf Menschenmaß zurecht, nicht nur die Figuren, sondern auch die vom gelackten Hollywood-Western, wie er unkritisch bis in die 60er Jahre hinein bestand hatte, kolportierten Handlungsmuster und Stereotype. In Dexters 1985 erstmals erschienenem „Deadwood“ gibt es keinen Showdown um 12 Uhr mittags, keine heldenhafte Sheriffs, die die schutzbedürftige Stadtbevölkerung vor Banditen und Indianern schützen, und selbst seine Saloons sind bloß zusammengeschusterte Bretterbuden, ganz ohne Revuetänzerinnen mit goldenem Herzen, die raubeinige aber aufrechte Revolverhelden im weißen Stetson für sich erobern und mit ihnen in den Sonnenuntergang reiten.

In „Deadwood“ ist alles dreckig, verkommen, brutal, amoralisch bis fast an die Grenze des Erträglichen. Aber eben nur fast. „Deadwood“ negiert zwar das heroisierte Bild der frühen Wild-West-Filme, als historischer Roman geht er aber nicht so weit wie etwa Flauberts 1862 erschienener „Salambo“. Denn anders als Flaubert verweigert er seinen Lesern nicht konsequent eine vertraute Perspektive. Bei ihm gibt es sehr wohl eine erzählerische Perspektive, durch die all die dargestellten Gräuel eingeordnet oder kommentiert werden.

Bei Dexter geschieht diese Einordnung meist durch die Hauptfigur des Romans „Colorado Charley“ Utter. Er ist in gewissem Sinne die moralische Instanz, die Brille und Projektionsfläche für den Leser, der die dargestellte Gewalt insofern etwas abmildert, als er eine der wenigen „kultivierten“ Figuren ist und im Angesicht einer menschenverachtenden Welt moralische Werte hochhält. Dadurch vermittelt er dem Leser trotz der oft drastischen Handlung doch das Gefühl, dass so lange es noch solche Figuren gibt, die Welt vielleicht doch nicht hoffnungslos verloren ist. Sicher, irgendwann betreibt Charley Utter ein Bordell, doch behandelt er natürlich seine Mädchen immer gut. Ja, auch zum Säufer wird er, muss sich jedoch geradezu dazu zwingen, und seine Sexualmoral… die ist eher lax, allerdings natürlich nur, weil er mit Liebesabenteuern versucht, die emotionale Leere zu füllen, welche die Schuldgefühle über den Tod des Freundes Wild Bill Hickok in ihm hinterlassen haben. Trotzdem ist Charley eine Art Humanist in einer durch und durch rassistischen Gesellschaft, die alle Fremden verabscheut, egal ob Mexikaner, Chinesen oder Schwarze. Zu den Indianern bezieht der Roman nicht klar Stellung, sie werden nie in persona dargestellt, ihre Gräueltaten, und nur dadurch machen sie von sich reden, werden stets durch das Mittel des Botenberichts von Romanfiguren wiedergegeben. Etwas irritierend auch die Homosexualität der ganz und gar negativen Figur Al Swearingen. Natürlich wird in einer von Männern dominierten Gesellschaft Homosexualität, weil sie als Bedrohung des Status quo empfunden wird, strikt abgelehnt. Jedoch thematisiert Dexter Homosexualität, anders als beispielsweise Fremdenfeindlichkeit, auf einer gesellschaftlichen Ebene gar nicht. Vielmehr könnte man den Eindruck gewinnen, er versuche, indem er den psychopathischen Swearingen mit einer homosexuellen Neigung ausstattet, diesen gar noch abstoßender erscheinen zu lassen. Es soll hier nicht darum gehen, dem Roman einen Mangel an Political Correctness vorzuwerfen. Wäre er zu korrekt, würde er vermutlich so wie er ist, in all seiner Härte und Brutalität, gar nicht funktionieren. Trotzdem greift „Deadwood“ die Frage des allgegenwärtigen Rassismus und der Frauenfeindlichkeit der Zeit auf und kritisiert sie indirekt durch die liberale Figur des Charley Utter, während aber das Thema Homosexualität immer mit Gewalt einhergeht und negativ konnotiert bleibt.

Dexter erzählt seine Geschichte in einer authentisch wirkenden Sprache, in der es häufig umgangssprachlich of anstatt have heißt, mit einem Vokabular, das die Eigentümlichkeiten der Zeit einfängt, nicht zuletzt durch Worte wie etwa peeder (von dem Charley Utter allerdings in der zweiten Hälfte des Romans so oft Gebrauch macht, dass es fast schon ein wenig zu viel des Guten ist). Da der Roman episodenhaft erzählt wird, indem nicht ein Ereignis konsequent im Mittelpunkt steht, auf das dramaturgisch hingearbeitet wird, sondern vielmehr die Figuren im Zentrum stehen, verschiedene Handlungsstränge eingeführt und verwoben werden, wobei manche zu einem Ende gebracht werden, andere offen bleiben, wundert es nicht, dass der amerikanische Fernsehsender HBO 2004 eine an den Roman angelehnte gleichnamige Serie produzierte. Auch dass sich erst 20 Jahre nach der Erstveröffentlichung des Romans jemand an den Stoff gewagt hat, ist nicht überraschend. Zu brutal, zu amoralisch ist seine Geschichte, um sie einem vermeintlich unbedarften Fernsehpublikum vorzusetzen. Gerechtigkeit gibt es in „Deadwood“ nicht zwingend, wenn dann stellt sie sich eher zufällig ein – oder eben auch nicht. Sicher, wer mit dem Schwert lebt, wird vermutlich auch irgendwann durch das Schwert sterben, auf Schuld folgt aber nicht notwendigerweise Sühne, und der Roman tut nicht so, als sei die Welt gerecht, als bekäme am Schluss jeder, was er verdient.

Unter anderem auch dieser Sachverhalt, dass es, anders als in der üblichen Genreliteratur des Westerns, weder wahre Helden noch Gerechtigkeit gibt, lässt vermutlich den US-amerikanischen Autor Jonathan Franzen zu dem Schluss kommen, dass, wer „Deadwood“ einen Western nennt, ebenso gut Edith Wartons naturalistischen Roman „The House of Mirth“ einen Frauenroman nennen könnte. Natürlich sollen in dieser Feststellung vor allem die negativen Konnotationen beider Gattungsbezeichnungen zum Ausdruck kommen, denen der jeweilige Roman eben nicht gerecht würde. Gleichzeitig hält die Washington Post aber „Deadwood“ für den besten Western, der jemals geschrieben wurde.

Auch in Deutschland verbindet man mit der Bezeichnung Western eher leichte Unterhaltung, Abenteuerliteratur im Stile eines Karl May, und das ist „Deadwood“ ganz sicher nicht, auch wenn sich Dexter einiger gängigen Techniken des historischen Romans bedient, um das Vergangene durch die Brille der Gegenwart zu filtern und damit dem modernen Leser den Zugang zum teilweise akribisch recherchierten Stoff zu erleichtern. „Deadwood“ ist ein spannender, gut geschriebener Roman, der gerade in seiner Demontage der Western-Klischees mehr will, als bloß zu unterhalten, möglicherweise ist er gar einer der Prototypen des modernen Western. Je nachdem wie man die Gattungsbezeichnung also verstehen will, handelt es sich bei „Deadwood“ vielleicht um einen Western, vielleicht aber auch nicht. Vielleicht ist das aber, wie so häufig bei Gattungszuordnungen, letztlich egal.

Pete Dexter – Deadwood. Vintage Contemporaries, 2005.

Deutsch 2011 unter dem gleichnamigen Titel, übersetzt von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt, bei Liebeskind erschienen.

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