New Age und Nobelpreis – Doris Lessings „Shikasta“

Doris Lessing ist in Deutschland kaum als Science Fiction-Autorin bekannt und das obwohl die Schriftstellerin selbst ihre fünf Bände umfassende Romanreihe Canopus in Argos: Archive als ihr literarisches Hauptwerk bezeichnete. Der erste Roman mit vollständigem Titel „Canopus im Argos: Archive – Betr.: Kolonisierter Planet 5 – Shikasta – Persönliche, psychologische und historische Dokumente zum Besuch von JOHOR (George Sherban) – Abgesandter (Grad 9) – 87. der Periode der Letzten Tage, im Folgenden kurz „Shikasta“, wurde 1979 veröffentlicht, da war Lessing bereits 60. Sie selbst sah ihre Romane jedoch nicht als Science sondern als Space Fiction, denn mit Wissenschaft hätten sie und auch die Romane nichts am Hut. 2011 spekulierte eine Journalistin gar in der Los Angeles Times, die Entscheidung des Stockholmer Komitees, das Lessing 2007 den Literatur-Nobelpreis zugesprochen hatte, habe womöglich „Shikasta“ im Hinterkopf gehabt, als es die Autorin eine „Epikerin weiblicher Erfahrung“ nannte. Trotzdem scheint „Shikasta“ in Deutschland nie besonders populär gewesen zu sein und war lange Zeit nur antiquarisch verfügbar.

Vielleicht ist Science Fiction für nicht eingefleischte Genre-Liebhaber immer dann am interessantesten, wenn sich Autoren der Gattung annehmen, die im Allgemeinen nicht darauf festgelegt sind, indem sie die tradierten Gattungsgrenzen verschieben und nicht in erster Linie den Leser-Geschmack bedienen wollen. Dass aber solche Romane, die in gewissem Sinne zwischen den Stühlen literarischer Genres sitzen, oft einen schweren Stand haben, ist kaum verwunderlich, verweigern sie sich doch einerseits zu sehr den Konventionen, um dem Genre-Fan zu gefallen, andererseits eilt Science Fiction immer noch der Ruf voraus, bloße Unterhaltungsliteratur zu sein, was wiederum den vermeintlich anspruchsvollen Leser abschrecken mag. Allerdings muss man auch sagen, dass der Roman „Shikasta“ eine grundlegende Schwäche besitzt. Die in ihm zum Ausdruck kommende ideologische Weltsicht wirkt manchmal leider doch esoterisch-naiv und simplifizierend.

„Shikasta“ mutet zu Beginn an, als wäre er von Erich von Dänikens Götter-aus-dem-All-Theorien inspiriert, denn auch Lessing greift religiöse und mystische Erzählungen auf und deutet diese um: Freundlich gesinnte intergalaktische Weltenlenker vom Planeten Canopus entdecken das Potential des noch nicht entwickelten Planeten Rohanda, entsenden ihre Raumschiffe und kolonisieren ihn, um für das einheimische Leben eine positiv verlaufende Evolution zu gewährleisten. Sie errichten symmetrisch harmonische Städte entlang gewisser Energieströme (den tellurischen Strömen aus Umberto Ecos „Das Foucaultsche Pendel“ nicht unähnlich), einer die Galaxien durchziehenden positiven Kraft namens „Substanz-des-Wir-Gefühls“. Im fiktionalen Rahmen eines Romans besitzen solch kreative Auswüchse aber natürlich eine andere Qualität, da sie anders als bei von Däniken eben keinen Anspruch auf außerliterarische Faktizität erheben. Trotzdem wirkt das philosophische Fundament, auf dem Lessings Fiktion fußt, oft sehr vereinfachend, ist geprägt von den esoterischen Vorstellungen der New Age-Bewegungen, wesentlich von der Philosophie des verwestlichten Sufismus, in den sich Lessing Mitte der 1960er Jahre flüchtete.

Waren in Doris Lessings Erstling „The Grass is Singing“ (1950 dt. „Afrikanische Tragödie“) die Figuren noch so komplex angelegt, dass der Leser zu ihrem psycho-pathologisch motiviertem Verhalten nur schwer Zugang fand, und verwiesen sie damit auf die komplexen sozialen Brüche und Strukturen in der Gesellschaft des kolonialen Südrhodesien, dem heutigen Simbabwe, so steht in „Shikasta“ eine tiefer gehende Psychologisierung der Figuren nicht im Vordergrund. Im Roman, vor allem in der ersten Hälfte, liegt der Fokus nicht so sehr auf Individuen, sondern die erzählerische Perspektive umspannt eine solch große räumliche und zeitliche Ausdehnung, dass Einzelschicksale darin kaum eine Rolle spielen können. Aus dem Planeten Rohanda wird Shikasta, ein Name, der, so stellt sich später heraus, nichts anderes als die Erde nach dem Sündenfall bezeichnet, ein Sündenfall allerdings, an dem die Bewohner völlig unschuldig sind, da er aus einem kosmischen Ereignis besteht, das die Welt im wahrsten Sinne aus den Fugen geraten lässt, sodass die Bewohner fortan einem Prozess der „Degeneration“ anheimfallen. Vorbei die Zeiten von Harmonie und Frieden, es beginnt der Kampf ums Dasein.

Die erzählte Zeit reicht so von der Entstehung der Welt bis zu deren vorläufigem Niedergang im Dritten Weltkrieg. Einzig ein Abgesandter von Canopus, JOHOR, der mit der Lenkung der Geschicke auf Shikasta betraut ist, tritt im gesamten Romanverlauf auf und bildet damit die Konstante in Lessings Figurenkarussell. Als Forscher, Beobachter, Protokollant, Führer, der Menschen den richtigen Weg weist und von ihnen als Engel gedeutet wird, sowie in der Inkarnation von George Sherban erstattet er Bericht und versucht, positiv in die Entwicklung des Planeten einzugreifen. Die Autorin realisiert die große Distanz dieses relativ weit aufgezogenen erzählerischen Fokus, indem sie den Roman aus verschiedenen Textsorten konstruiert, aus historischen Übersichten, Protokollen, Erfahrungsberichten, später aus persönlichen Briefwechseln und Tagebucheinträgen. Sie verzichtet damit auf eine kohärente klassische Roman- und Handlungsstruktur, was sich nicht zuletzt im Schriftbild äußert, dessen Schriftgröße innerhalb des Romans variiert, bei dem manche Passagen fett andere kursiv gesetzt sind.

Doris Lessings Ablehnung von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, die nur auf Aufrüstung, Krieg und Vernichtung zusteuern, ihr Widerwillen gegen eine inhaltsleere, ganz auf Konsum ausgerichtete Gesellschaft, ihre Skepsis gegenüber einer gesellschaftlich normierten Trennung von geistiger Gesundheit und Wahnsinn werden in „Shikasta“ nur allzu deutlich. Und auch die Themen, für die die Autorin in der öffentlichen Wahrnehmung steht, nämlich das Zusammenleben der Geschlechter und Ethnien, das Verbrechen des Kolonialismus, für das die Weißen die Verantwortung zu übernehmen haben, spielen in „Shikasta“ eine zentrale Rolle: Zum Romanende hin wird eine Art Theateraufführung inszeniert, bei der den Weißen der Prozess gemacht wird. Doch wird nicht allein über die ehemaligen Kolonialherren verhandelt, denn auch sie sind vor allem Teil der degenerierten Gattung Mensch, ihre Verbrechen, so monströs und verdammenswert sie in der Vergangenheit waren, unterscheiden sich nur in ihrem Ausmaß von den Verbrechen anderer Ethnien. Nur durch Versöhnung kann es einen Neuanfang geben, so die Botschaft im Roman.

Da „Shikasta“ sehr von einer sufischen Weltsicht geprägt ist, droht er öfter in esoterisch anmutende Denkmodelle zu kippen, und auch im Spannungsfeld von Prädestination und freiem Willen, einem im Roman sehr präsenten Thema, entstehen Brüche, weil sich oft der Eindruck einstellt, es stehe alles bereits fest, der große Plan, nach dem sich alles entwickeln wird, ist bereits vorgegeben, lediglich im Detail kann es noch hie und da Abweichungen geben. Sicher, der Heilsplan erfährt womöglich eine kurzfristige Änderung oder Verzögerung, doch seltsamerweise hat man beim Lesen nie das Gefühl, das Ganze könnte auch schiefgehen, und die Welt könnte für immer verloren sein. Der Menschheit wird nie die Macht zugestanden, ihr Schicksal selbst zu bestimmen. So wie der Zustand der „Degeneration“ über sie hereingebrochen ist, so kann sie sich nicht ohne fremde Hilfe daraus befreien. Doch dann stellt sich unweigerlich die Frage, inwiefern nicht auch Lessings Sozialkritik ins Leere läuft, denn paradoxerweise tut der Roman an manchen Stellen so, als könne das Individuum selbst über richtig oder falsch entscheiden, gleichzeitig steht aber auch fest, dass die Menschheit aus eigener Kraft ja doch nichts ändern kann.

An „Shikasta“ zeigt sich vielleicht ein grundlegendes Problem von Literatur, der zu sehr eine Weltanschauung eingeschrieben ist, die vorgibt zu wissen, was richtig und was falsch ist, die so tut, als kenne sie die Lösung für alle Probleme. Denn alle Ideologien verschließen Interpretationsräume, im Leben wie im Roman. Sie liefern vorgefertigte Antworten, die keinen Einwand oder Widerspruch dulden. Dies mag der Hauptgrund sein, warum einen beim Lesen das Gefühl beschleicht, das am Ende alles irgendwie gut ausgehen wird, und mag es noch so viele Irrungen und Wirrungen geben, denn wäre dies nicht der Fall, würde sich die Romanideologie als fehlerhaft erweisen, und an seinem eigenen Fundament rüttelt „Shikasta“ zu keiner Zeit.

Nun kann man die hier unterstellte Intension von „Shikasta“ ablehnen, lesenswert ist der Roman aber aus vielerlei Gründen trotzdem. Sicher würde es sich lohnen, den zahlreichen biblischen und mythologischen Anspielungen nachzuspüren, die Lessing in den Roman einarbeitet. Grundsätzlich ist auch ihre Gesellschaftskritik im Kern berechtigt und treffend, vor allem die Ausführungen über die politischen Verflechtungen von Großbritannien und Simbabwe sind erhellend. Und nicht zuletzt erzeugt die ungewöhnliche Romankonzeption einen ganz eigenen Leseeindruck. Durch die eine gewaltige Zeitspanne umfassende protokollarische Erzählweise entfaltet der Roman eine Wirkung, die nicht ganz unähnlich dem ästhetischen Gefühl gegenüber dem Erhabenen ist, eine Mischung aus ehrfurchtsvollem Staunen und Unbehagen im Angesicht der Größe dessen, was sich da vor einem auftut. Daneben gelingt es Lessing vor allem in der zweiten Hälfte mithilfe von Briefen und Tagebucheinträgen Empathie für ihre Figuren aufkommen zu lassen, gerade weil diese nur schlaglichtartig beleuchtet werden, sie dann aber dem Leser nahe gehen, mit all ihren widerstreitenden, allzu menschlichen Gefühlen, nur um schließlich in den Nebeln der Geschichte zu verschwinden. Oft nur in einem Nebensatz erfährt der Leser von Figuren, die ihn über etliche Seiten begleitet haben, dass sie verstorben sind. Die Bedeutungslosigkeit des Einzelschicksals verweist, gemessen an den Dimensionen von Raum und Zeit, auch den Leser auf seine eigene Nichtigkeit.

Es ist also nicht so, dass „Shikasta“ keine literarischen Qualitäten besäße, ganz im Gegenteil. Auch kann man dem Roman nicht unterstellen, die falschen Fragen aufzuwerfen, nur leider wirken die Antworten, die er gleich mitliefert, recht unbefriedigend.

Postskript: Da man sich bei der Lektüre von Science Fiction häufig selbst dabei ertappt, nach Fiktionen zu suchen, die sich bewahrheitet haben, sei hier kurz darauf verwiesen, dass in „Shikasta“ irgendwann China zur alleinigen Weltmacht aufgestiegen ist. Das ist zwar auch heute noch nicht der Fall, doch ist es mittlerweile Allgemeingut, nicht mehr die Frage nach dem Ob sondern nur noch nach dem Wann zu stellen.

Doris Lessing – Canopus im Argos: Archive – Betr.: Kolonisierter Planet 5 – Shikasta – Persönliche, psychologische und historische Dokumente zum Besuch von JOHOR (George Sherban) – Abgesandter (Grad 9) – 87. der Periode der Letzten Tage auf Deutsch erscheinen unter anderem 1983 bei S. Fischer. Für die Übersetzung zeichnet sich Helga Pfetsch verantwortlich.

Titel der Originalausgabe: Doris Lessing – Canopus in Argos: Archives. Re: Colonised Planet 5, Shikasta: Personal, Psychological, Historical Documents Relating to Visit by Johor (George Sherban). Emissary (Grade 9) 87th of the Period of the Last Days. 1979 bei Jonathan Cape, Ltd. erschienen.

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3 Gedanken zu “New Age und Nobelpreis – Doris Lessings „Shikasta“

  1. Eine anregende Besprechung des Romans, der seit geraumer Zeit bei mir lesebereit herumliegt. Habe gestern die Erzählung „At Room 19“ von ihr gelesen und konnte einige der Themen, die in deinem Artikel angesprochen werden, wiederentdecken. Werde die schöne Besprechung während der kommenden Lektüre von Shikasta bestimmt noch einmal aufsuchen.

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    1. Freut mich, dass dir meine Besprechung gefallen hat. Ich wünsche dir viel Spaß bei der Lektüre von Shikasta, obwohl ich, wie in der Besprechung angedeutet, durchaus hin und wieder meine Schwierigkeiten damit hatte.

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