Won’t bow – Don’t know how – Frederick Exleys “A Fan’s Notes”

Ein Leben auf Barhockern, in Kneipen, zwischen Trinkern. Gossenpoesie voller seltsamer Typen. Ein Leben auf der Couch, monatelange Apathie. Schilderungen aus Psychiatrien. Elektroschocks. Irgendwann dann die Entlassung, wieder hinaus in ein Leben, in dem man sich nicht zurechtfindet. Ein Leben, das sich wieder von einem Drink zum nächsten hangelt, in dem nur das Wochenendgelage und das sonntägliche Footballspiel ein kleiner Lichtblick sind. Zumindest bis zum nächsten Zusammenbruch, der nächsten Einweisung, bis zur nächsten Entlassung. Damit das Spiel wieder von vorne losgehen kann.

Man neigt dazu, Exleys “A Fan’s Notes“ als autobiografischen Roman wahrzunehmen, zu frappierend sind die Ähnlichkeiten der Erlebnisse des Ich-Erzählers mit denen des Autors. Die übergroßen Fußstapfen des Vater, die der Sohn nicht ausfüllen kann, der Wunsch, es als Schriftsteller in der Welt zu schaffen, der Alkoholismus und die Aufenthalte in psychiatrischen Anstalten.

Trotz aller Parallelitäten aber ist „A Fan’s Notes“ eine Fiktion und das macht der Text auch explizit. Von Exleys eigenen sportlichen Ambitionen erzählt der Roman beispielsweise nichts, sondern er beschränkt sich auf das Scheitern des Erzählers als Autor. Dieser Roman ist mehr als das autobiografische Protokoll einer Trinkerkarriere. Exley und auch der Ich-Erzähler in „A Fan’s Notes“ haben Literatur studiert, und der Text wimmelt nur so vor literarischen Verweisen und Anspielungen, von Shakespeare über Thomas Mann bis Nabokov. Er ordnet sich selbst in eine Genretradition ein, etwa indem der Ich-Erzähler der Kneipe aus Charles Jacksons „The Lost Weekend“ einen Besuch abstattet und enttäuscht ist, weil die Bar durch den Erfolg der Romanverfilmung jegliche Authentizität verloren hat und zu einem Treffpunkt für reiche Möchtegern-Kunst- und Kulturliebhaber verkommen ist. Anders als etwa die Texte Charles Bukowskis bemüht sich Exleys Roman nicht darum, den Erzähler als positiv-heroischen, bildungsfernen Barstool Poet zu stilisieren. Seinem Text merkt man die Struktur und den Formwillen an. Episoden sind thematisch und nicht notgedrungen chronologisch strukturiert, er lässt an manchen Stellen Ereignisse aus, wenn sie nicht ins Kapitel passen, und kommt später in einem anderen Kontext darauf zurück. Sein Roman wirkt nicht beliebig. Der Erzähler durchläuft eine Entwicklung. In jeder Episode wird ihm der Grund seines Scheiterns bewusster und als Leser hofft man, dass es dieses Mal ausreichen wird, ihn den selbstzerstörerischen Kreislauf durchbrechen zu lassen. Jedes Mal wird diese Hoffnung aufs Neue enttäuscht.

Dabei ist auch die Sprache Exleys eine ganz eigene, ein Hybrid aus Alltags- und Gossensprache und gehobenem Stil, eine subjektive, selbstreflexive Stimme, die im Roman den Roman „A Fan’s Notes“ selbst thematisiert. Auf den ersten Blick mag dies den Eindruck der Authentizität zunächst verstärken. Doch darüber hinaus hat das noch eine andere Funktion, denn Literatur ist nicht dazu da, die Wirklichkeit vermeintlich objektiv abzubilden, sondern sie überformt das Erlebte stets. Besonders deutlich wird dies an der Stelle im Roman, an der erzählt wird, wie Mr. Blue ums Leben kommt. Der Erzähler gibt eine hanebüchene Schilderung davon, nur um dann klarzustellen, dass dieser Bericht reine Fiktion ist, dass der Tod „in Wirklichkeit“ ganz anders war. Und dann bietet er eine weitere Version an, wie es sich auch abgespielt haben könnte, macht aber klar, dass er die „wahre Geschichte“ nicht erzählen wird.

Irgendwann erkennt der Erzähler, dass man dem Scheitern mit Pathos und Wut allein nicht zu Leibe rücken kann. Nur mit Humor, und sei es auch Galgenhumor, kann man Leid und Versagen ihre Übermacht nehmen, ihrer Herr werden, indem man sie der Lächerlichkeit preisgibt und sie erniedrigt. Nachdem der Erzähler (und vielleicht auch Frederick Exley) dies verinnerlicht hat, wird er seinen großen Roman schreiben. Ein Roman, bei dem Witz und Tragik sehr nahe beieinander liegen und in dem es nicht nur um ein Einzelschicksal geht. Denn noch etwas gibt der Roman der Lächerlichkeit preis: eine amerikanische Plastikgesellschaft, deren höchste Ambitionen Fernsehen, Konsum und Konformität sind und die jeden, der sich nicht anpassen kann oder will gnadenlos bestraft.

„A Fan’s Notes“ erhielt bei seinem Erscheinen 1968 etliche Auszeichnungen, Exley machte sich damit tatsächlich einen Namen als Autor, fand zwar nicht viele Leser, erregte aber bei Kritikern und anderen Schriftstellern Aufmerksamkeit. Neben James Dickey und Kurt Vonnegut zeigte sich noch ein weiterer großer amerikanischer Exzentriker ganz besonders von Exleys Stil und Thematik beeindruckt, so sehr, dass er sich von ihnen beeinflussen ließ, sie perfektionierte und damit die Erfolge feiern konnte, die Exley selbst verwehrt geblieben sind. Denn auch Hunter S. Thompson vermischte Fiktion und Realität, auch er ein großer Freund von Drogen und ein fanatischer Sportfan, und fast meint man in der Figur des Counselors aus „A Fan’s Notes“ einen Vorläufer von Thompsons „Dr. Gonzo“ vor sich zu haben.

Mag man auch noch so sehr hoffen, dass die ganze Geschichte, die des Roman, aber auch die Lebensgeschichte Exleys, am Ende gut ausgehen wird, dass dieses gescheiterte Leben irgendwann eine Wende nimmt und letztlich der Preis für einen grandiosen Roman war, wie dies James Dickey in seiner Einschätzung von „A Fan’s Notes“ anmerkt, der Text selbst lässt dies offen.

Er endet nicht damit, wie der Erzähler den Roman schreibt, sondern mit einem Traum, von dem er jede Nacht heimgesucht wird. Darin spaziert er einsam am Straßenrand, während sich ein Auto voller College-Jungs nähert, alle groß, muskulös und blond. Im Vorbeifahren pöbeln sie ihn an und bewerfen ihn mit leeren Bierdosen. Nachdem sie ihn schon passiert haben, hat ihr Wagen eine Panne, und sie fahren rechts ran, um den Schaden zu begutachten. Jeden Tag wünscht sich der Erzähler, er könne Einfluss auf den Fortgang dieses Traums nehmen, könne einfach seinen Weg weitergehen und sie links liegen lassen. Doch jede Nacht dreht er sich aufs Neue um, beschimpft sie, schlägt auf sie ein und wird schließlich von ihnen zu Fall gebracht.

Frederick Exley – A Fan’s Notes. Vinatge Contemporaries, 1988.

Weitere Rezensionen im Netz:

Ein Nachruf auf Frederick Exley von 1992 in der New York Times.

A Fan’s Notes im Guardian 2007.

Eine Rezension im britischen Independent von 2013.

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