And now to something completely different – Charles Portis‘ „Masters of Atlantis“

Verschwörer agieren im Schatten, entziehen sich zwar dem Augenschein, sind aber nichtsdestotrotz da. Sie sind die Lenker der Welt, die man erst erkennen muss, um sich gegen sie aufzulehnen. Auch wenn der Teufel die Fäden zieht, ist das immer noch besser, als wären alle Fäden gekappt. Denn den Teufel, das wussten schon die Märchen, kann man auch überlisten, den Zufall aber nicht. Über ihn kann man nicht verfügen. Auch wenn die Verflechtungen dieser Welt ein Netz sind, so besteht es doch immerhin aus Linien, an denen man sich festhalten kann und die einem den Weg weisen. Sie sind die Sicherung und der doppelte Boden für das, was nicht sein kann, weil es nicht sein darf: eine Welt ohne Sinn und Struktur. Und mögen die Pfade auch noch so verschlungen sein und das Ziel auch noch so fern, alles ist besser als dieser Morast einer Wirklichkeit ganz ohne Koordinatensystem.

Gut möglich, dass Charles Portis das anders sehen würde. Gut möglich, dass Portis mit seinem 1985 erschienenen „Masters of Atlantis“ die Absurdität dieser Sehnsucht nach Ordnung bloßlegen wollte, formal wie inhaltlich, denn Portis Roman ist ganz bestimmt kein Buch über Verschwörungstheorien und nur am Rande eines über Geheimgesellschaften.

Der Roman handelt davon, wie ein gewisser Lamar Jimmerson unfreiwillig eine Geheimgesellschaft gründet. Jimmerson ist ein recht netter aber doch ziemlich einfältiger Typ, der als Soldat im ersten Weltkrieg im französischen Chaumont an der Marne stationiert ist. Dort begegnet er einem dubiosen Fremden, der seine Gutgläubigkeit und Naivität ausnutzt und ihm von der Geheimgesellschaft der Gnomonen erzählt, um an ein gratis Mittagessen und an ein Dach über dem Kopf zu kommen. Der zwielichtige neue Freund nimmt Lamar Jimmerson aus, erfindet krude Geschichten, in denen wie bei jeder Geheimlehre Hermes Trismegistos nicht fehlen darf, knöpft ihm vor der Abreise auch noch Geld für ein Buch voller Kauderwelsch ab, das er vermutlich selbst geschrieben hat, und verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Jimmerson merkt aber selbst dann noch nicht, dass an der Sache etwas faul sein muss, als er niemanden trifft, der diese Geheimgesellschaft kennt. Andererseits macht das ja durchaus Sinn, denn wäre der Geheimbund allseits bekannt, dann verdiente er seinen Namen nicht. Jimmerson als das einzige bekennende Mitglied weit und breit gründet damit die Gesellschaft der Gnomonen überhaupt erst, jedoch ohne es zu merken. Aber er hat Glück, irgendwann findet er doch Gleichgesinnte, und so entspinnt sich eine Geschichte über den recht bescheidenen Aufstieg und damit auch nicht allzu tiefen Fall dieser Geheimgesellschaft, deren Lehren so geheim sind, dass selbst vermeintlich Eingeweihte nicht so recht wissen, was es im Kern mit ihnen auf sich hat.

Portis ist ein Meister der Irrwege und der Nebensächlichkeiten. Wobei man schwer von Irrwegen sprechen kann, wenn es keinen direkten Weg gibt, schwer von einer Nebensache, wo die Hauptsache fehlt. „Masters of Atlantis“ trägt die für die Romane des Autors typischen Züge – die Handlung ist nicht stringent, neue Figuren Erscheinen auf der Bildfläche, reisen umher und verschwinden wieder, und mit ihnen streunt auch die Handlung von „Masters of Atlantis“ durch die Weltgeschichte.

Wenn Verschwörungstheorien die Zufälle der Welt in Vorsehung verwandeln sollen, dann hat Literatur mit ihnen gemein, dass auch sie oft zu einer großen Sinnstifterin stilisiert wird. Man bewundert Texte, in denen alles streng komponiert und an seinem Platz ist. Kein überflüssiges Wort, kein Satz, der nicht zum großen Ganzen beiträgt. Portis, der „Kultautor“ für Eingeweihte, scheint auch die Rezeption seiner eigenen Romane mit einem Augenzwinkern zu kommentieren, wenn er in „Masters of Atlantis“ eine der Figuren über die Geheimbücher der Gnomon-Society vor einem Tribunal, das stark an die Kommunisten-Prozesse der MacCarthy-Ära erinnert, sagen lässt: „We don’t know whose hands those books might fall into, Senator, and so we are obliged to put a lot of matter in there to weary and disgust the reader. The casual reader is put off at once. A page or two of that and the ordinary man is a limp rag. Even great scholars, men who are trained and well paid to read dull books, are soon beaten down by it. The wisdom is there but in order to recognize it and comprehend it you must have the key.”

Nein, die Bücher, von denen hier gesprochen wird, enthalten per se keine tieferen Wahrheiten, daran lässt der Roman kaum einen Zweifel. Alle Wahrheit, die darin zu finden ist, tragen die Jünger selbst hinein. Vielleicht, so der unterschwellige, augenzwinkernde Hinweis, ist das bei dem Roman „Masters of Atlantis“ ja nicht anders. Andererseits ist es wohl kaum Zufall, dass Portis mit dieser Anhörung auf eine politische Ära verweist, in der Paranoia als Staatsräson ausgegeben wurde, in der hinter allem eine große Verschwörung gewittert wurde, und ganz sicher ist „Masters of Atlantis“ nicht ganz so beliebig, wie es auf den ersten Blick scheint… und schon findet man sich als Rezensent in der Falle wieder, die der Roman seinen Lesern stellt.

Noch in einem anderen Punkt unterscheidet sich „Masters of Atlantis“ selbst doch sehr von den Geheimbüchern der Gnomonen-Gesellschaft im Roman, denn langweilig ist er ganz und gar nicht. Portis führt die Absurdität einer Sehnsucht nach Sinnstiftung vor, die sich auch von ihr widersprechenden offensichtlichen Tatsachen nicht abschrecken lässt, tut dies sprachlich und erzählerisch so ernsthaft, so ganz ohne eine Miene zu verziehen, dass der Roman von einigen Rezensenten zu Recht als das literarische Gegenstück zu den Filmen Buster Keatons bezeichnet wird. Mehr noch als in „The Dog of the South“ setzt Portis in „Masters of Atlantis” auf Komik und Slapstick. Auch hier bevölkern phlegmatische Typen, gutgläubige Tagträumer, Gauner, Scharlatane und Exzentriker aller Art die Romanwelt. Auch wenn Portis seine Figuren manchmal durchaus lächerlich erscheinen lässt, schlägt sein Humor nie in Bösartigkeit oder Zynismus um. Er nimmt seine Figuren doch immer in ihrer Verschrobenheit ernst.

Struktur und Inhalt der Story sind in Charles Portis „Masters of Atlantis“ auch ein Gegenentwurf zu einer geläufigen Auffassung von „anspruchsvoller“ Literatur. Wo bei ihr alles ineinander greift, wirkt bei Portis vieles zufällig, und genau damit treibt der Autor sein doppelbödiges Spiel. Ob man sein Heil in einer Geheimgesellschaft sucht oder in etwas völlig anderem spielt letztlich keine Rolle. Wonach man seinen Lebensentwurf gestaltet, ist egal, so lange man selbst daran glaubt. Und wenn man irgendwann den Glauben verliert, sucht man sich halt etwas Neues, dann spielt man eben wie Jimmerson an seinem Lebensabend bis spät in die Nacht mit anderen alten Männern Domino und entwickelt daran eine genauso große Freude wie an der Erforschung der Geheimnisse des Universums. Das eine ist so gut wie das andere, alles kann zum Lebensinhalt werden, wenn man nur selbst davon überzeugt ist, und diese Einstellung zum Leben haben die Narren in Portis Romanwelt womöglich vielen Gelehrten voraus, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst sind. Vielleicht handelt diese auf den ersten Blick so schrullige Geschichte ja doch irgendwie vom Sinn des Lebens. Ganz sicher aber ist „Masters of Atlantis“ ein urkomischer Roman, der auf seine Art zu bestätigen scheint, was Douglas Adams bereits einige Jahre zuvor wusste: der Sinn des Lebens ist 42.

Charles Portis – Masters of Atlantis. The Overlook Press, 2000.

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