Rumble in the Jungle – Nelson Algrens “Never Come Morning”

In seinem 1942 erschienenen Roman „Never Come Morning“ wirft der US-amerikanische Autor Nelson Algren einen literarischen Blick auf das polnische Viertel Chicagos, auf die Jugendgangs und Prostituierten, die Trinker und Kleinkriminellen, auf die Armut, das Elend, die Verlorenheit und Perspektivlosigkeit einer Parallelgesellschaft, die nach eigenen Regeln lebt und für deren Mitglieder es, wie schon der Titel andeutet, keinen Neuanfang, keinen neuen Morgen geben wird.

Bruno „Lefty“ Bicek ist in der Chicagoer North Side aufgewachsen. Als junger Erwachsener kennt er mittlerweile die Regeln der Straße. Er weiß, wie man hier so einigermaßen über die Runden kommt – mit Diebstählen, Raub, Gaunereien und vor allem Härte.

Das polnische Viertel, in dem Bruno lebt, wird vom „Barber“ regiert. In seinem schäbigen Herrenfrisiersalon laufen alle Fäden zusammen, er hat überall seine Finger im Spiel und hält die Hand auf, egal ob bei Überfällen, beim Glückspiel oder der Prostitution. Der Barber ist ein alter Mann, der es durch Bosheit, Hinterlist und Skrupellosigkeit an die Spitze geschafft hat. Er ist der Pate einer Welt, die anders als in den späteren Gangster-Filmen Martin Scorceses keine Strahlkraft besitzt, die verlottert ist, schmutzig und vor allem klein.

Bruno Bicek ist ein guter Boxer und träumt davon, es einmal zum Profiboxer zu bringen, doch geht es ihm vorrangig nicht darum, seinem perspektivlosen Leben zu entfliehen, sondern eher darum, es in dieser Welt an die Spitze zu schaffen, bewundert zu werden, von allen als die neu weiße Hoffnung im Boxsport gefeiert zu werden. Fatalerweise hält er sich aber für härter, als er in Wirklichkeit ist, und als es darauf ankommt, Rückgrat zu beweisen, scheitert er kläglich.

Nach einem fast schon romantischen Abend auf dem Rummelplatz mit seinem neuen Mädchen Steffi Rostenkowski kommt es zur Katastrophe. Bruno scheint sich nicht im Klaren zu sein, ob er Steffi wirklich liebt, was er jedoch weiß, ist, dass er sie auf jeden Fall „flachlegen“ möchten, weil das in seinem Milieu der Inbegriff der Männlichkeit ist, während Liebe eher als Schwäche gilt. Aus Ermangelung einer besseren Alternative gehen die beiden auf Anraten eines Bekannten in ein leer stehendes Haus, um ungestört zu sein. Als Brunos Gangkollegen auftauchen, um ihren Anteil an der „Beute“ Steffi einzufordern, hat Bruno nicht den Mumm, ihnen die Stirn zu bieten, und überlässt Steffi ihrem Schicksal. Was folgt ist auch für den Leser ein Schlag unter die Gürtellinie, wie Algren den ersten Teil von „Never Come Morning“ überschrieben hat: Draußen vor dem Abrisshaus wird die Schlange der Jugendlichen, die darauf warten, auch mal „an die Reihe“ zu kommen, immer länger, während Bruno auf und ab tigert und versucht, seine Feigheit vor sich selbst mit einem perversen, frauenverachtenden Verhaltenskodex zu rechtfertigen. Am Ende des Kapitels schließlich, als er weiß, dass seine Gang-Kumpane in der Schlange ihm notfalls beistehen werden, legt sich Lefty mit einem Griechen an und die Gewalt explodiert. Spätestens da wird klar, dass in diesem Roman niemand auf Vergebung oder Erlösung hoffen kann.

Der amerikanische Autor Hubert Selby, Jr. hatte zwanzig Jahre später in seinem Roman „Last Exit to Brooklyn“ eine Gruppenvergewaltigung sprachlich explizit bis ins kleinste Detail dargestellt und damit einen Skandal ausgelöst. Doch wo Selby „draufhält“, macht Algren einen Schwenk nach draußen. Das macht das Ganze für den Leser aber kaum erträglicher –  elend lang scheint sich die Szene hinzuziehen.

Konsequent vermeidet Algren jede Form von Sozialkitsch. Seine Figuren taugen nicht zur Identifikation, und trotzdem bleibt der Roman dicht an ihnen dran, trotzdem versteht er es, Empathie zu wecken, vor allem für die sozial völlig im Abseits stehenden Prostituierten, deren Hoffnungen und Träumen er ein ganzes Kapitel widmet, auch hier allerdings ohne sie zu beschönigen. Er stellt sie so dar, wie sie sind, mit all ihren Fehlern und Makeln, und am Ende gelingt es dem Roman, selbst noch für Bruno Bicek so etwas wie Parteinahme beim Leser zu erzeugen, als er im letzten Kapitel des Buches doch noch die Chance auf seinen großen Kampf bekommt.

Das Motiv des Boxens ist die inhaltliche Klammer des Romans. Eine kurze Schilderung eines Boxkampfes leitet ihn ein, eine ausführliche Beschreibung von Brunos großem Kampf steht fast an seinem Ende. Der Boxsport faszinierte schon Lord Byron und John Keats, und er wurde vor allem in der US-amerikanischen Literatur ein beliebtes Sujet, nicht nur bei Norman Mailer und Ernest Hemingway, der im Übrigen „Never Come Morning“ für das beste Buch hielt, das je aus Chicago kam. Neben der Selbststilisierung der Literaten, die sich gern als gesellschaftliche Underdogs sehen und den Boxkampf zur Metapher für das Schreiben selbst überhöhen, ist es wohl vor allem ein rohes Männlichkeitsideal, das beim Boxen in legitimem Rahmen ausgelebt werden darf, und das gerade die Anhänger der Hard Boiled-Literatur begeistert. Und natürlich eignet sich der Boxsport nur zu gut als Sinnbild für den Kampf ums Überleben in den Großstadtjungeln, mit seinen wenigen strahlenden Helden und den etlichen tragischen Verlierern. Bei Algren erscheint dies insofern plausibel, als es in seinem Roman um soziale Außenseiter geht, um ein Milieu, bei dem Gewalt ohnehin schon an der Tagesordnung ist. In „Never Come Morning“ ist aber auch das Boxen den Gesetzen der Straße unterworfen. Es wird mit harten Bandagen und allen Tricks gekämpft, so schmutzig sie auch sein mögen. Im Boxring werden Verhaltensweisen, die moralischen geächtet sind, zu Tugenden, um die Blutgier des Publikums zu befriedigen.

Erstaunlich wie sehr doch die Lebens-, Wertevorstellungen und Verhaltenskodizes der Jugendlichen in Algrens „Never Come Morning“ von vor 70 Jahren denen heutiger Jugendlichen aus ganz ähnlichen sozialen Milieus gleichen. Auch sie meist Söhne und Töchter von Immigranten, auch sie sehen sich als perspektivlose Außenseiter. Beide stilisieren Gewalt und Härte zu legitimen Mitteln, um es in der Welt zu schaffen, und das bedeutet letztlich, Geld zu besitzen, Frauen, Macht. Dass es dabei im Kern um nichts anderes geht, als auch dazuzugehören und mitspielen zu dürfen, zeigt sich nicht zuletzt an der Wandlung von prominenten Deutschrappern, die es ins Rampenlicht geschafft haben. Aus den bösen Jungs von einst wurden wie selbstverständlich Juroren in Casting Shows.

Ohne Algrens „Never Come Morning“ ein Übermaß an Aktualität zusprechen zu wollen, würde doch eine behutsam modernisierte Übersetzung auch von Algrens zwischen Slang und Poetik oszillierender Sprache ins Deutsche möglicherweise einen Beitrag zu der aktuellen Debatte über die Gewaltkultur von Jugendlichen und jungen Erwachsenen leisten können. Im Kern zeigt Nelson Algrens Milieustudie nämlich, dass, wo es einer Gesellschaft nicht gelingt, auch gerade die Mittellosen und sozial Benachteiligten aufzufangen, sich die immer gleichen Verhaltensmuster herausbilden. Nelson Algren ist mit „Never Come Morning“ ein in vielerlei Hinsicht beachtlicher Roman gelungen, der bis heute viel zu wenig Beachtung gefunden hat.

Nelson Algren – Never Come Morning. Seven Stories Press, 1996.

Deutsch als Nacht ohne Morgen zum ersten Mal 1956 in der Übersetzung Werner von Grünaus bei Rowohlt erschienen. 1990 erschien eine Neuübersetzung von Carl Weissner bei Zweitausendeins.

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