Mehr Licht? – Über die Ästhetik des Schattens bei Tanizaki Jun’ichiro und Goseki Kojima

Der im Westen kaum bekannte Autor Tanizaki Jun’ichiro, zu dessen Ehren in Japan ein Literaturpreis ausgeschrieben wird, den übrigens 1985 der auch hierzulande weitaus populärere Haruki Murakami erhielt, publizierte 1933 einen Essay mit dem Titel „Lob des Schattens“. Gemeinhin wird der 16 Abschnitte umfassende Aufsatz der Strömung des Ästhetizismus zugerechnet und ist weniger systematische philosophische Abhandlung als vielmehr ein Versuch des Autors, anhand von Einzelbeispielen erzählerisch seine Vorstellung von Schönheit darzulegen.

Auch in der zwischen 1970 und 1976 erschienen 28-bändigen Manga-Serie „Lone Wolf and Cub“, die von Kazuo Koike geschrieben und von Goseki Kojima illustriert wurde, spielt der Schatten eine tragende Rolle. Ein Großteil der japanischen Mangas verzichtet auf eine farbliche Ausarbeitung der Zeichnungen, was natürlich den Produktionsbedingungen geschuldet ist, da Mangas in Japan eine schnell konsumierte Massenware sind, die möglichst günstig hergestellt werden muss. Trotzdem verstand es Kojima, die ihm zur Verfügung stehenden Mittel meisterhaft einzusetzen und durch den Kontrast aus weißem Papier und schwarzer Tusche eine Ästhetik zu entwickeln, die auch visuell den Kern der Erzählung einfängt.

Gerade in einer europäischen Kulturtradition, in der seit der Aufklärung die Lichtmetapher einen zentralen Stellenwert einnimmt, mag dieses „Lob des Schattens“ etwas befremden. Nicht umsonst, so der Mythos, forderte der Deutschen Lieblingsdichter auf seinem Sterbebett mehr Licht. Dass es sich aber auch für einen Europäer lohnen könnte, sich hin und wieder auf den Schatten einzulassen, beweisen Tanizaki und Kojima eindrucksvoll, so unterschiedlich ihre erzählerischen Genres und ihre Gründe für ein Lob des Schattens auch sein mögen.

Tanizaki Jun’ichiros „Lob des Schattens – Entwurf einer japanischen Ästhetik

Das schattenhaft-diffuse erhebt Tanizaki Jun’ichiro in „Lob des Schattens – Entwurf einer japanischen Ästhetik“ zu einem mit dem Wesen der japanischen Kultur eng verflochtenem Prinzip. Tanizaki tut dies in einer ganz und gar nicht diffusen, sondern sehr klaren und ruhigen, fast schon kontemplativen Sprache, die aufgrund eben dieser Ruhe und Langsamkeit seine eigene Forderung erfüllt, nicht grell zu sein, nicht wie das Zuviel an Licht westlicher Architektur zu blenden, sondern dem Leser Raum zu lassen, sich in den Text (und den Schatten) zu vertiefen.

Tanizaki veranschaulicht seine These an der japanischen Architektur, die dem Westler karg vorkommen mag, die aber, so seine These, vor allem auf die Kontrolle und Streuung von wenig Licht im Raum ausgelegt ist, die absichtlich dunkle Ecken und Winkel schafft und zulässt, und so dem Menschen innerhalb der Architektur Raum zum Nachdenken, zum In-sich-Kehren, lässt. Gerade das Fehlen von Objekten im Raum lenkt den Blick nicht ab, sondern erlaubt die Hinwendung zu einem von den Lichtverhältnissen geprägten Gesamteindruck, in dem das nicht ganz Ausgeleuchtete neue Interpretationsräume erlaubt und fordert, wirft es doch den Betrachter auf sich selbst zurück.

Tanizakis Essay vermittelt überzeugend diese traditionelle Lust am nicht ganz Ausgeleuchteten, am Schattenhaften, das den Fokus des Menschen auf die Innerlichkeit lenkt. Das Grelle vereinnahmt. Durch das zu Helle wird der Blick von der Außenwelt gebannt und eine Beschäftigung mit dem geistigen „Innenraum“ erschwert. Man kann dieser These des Autors durchaus etwas abgewinnen, allerdings wird man immer dann skeptisch, wenn er vorgibt, dieses Bedürfnis nach dem Schatten sei eine Art immanentes, fast schon genetisch eingeschriebenes Bedürfnis aller Ostasiaten. Zu sehr erscheint in solchen Passagen Kultur als ein starres, unveränderliches Konzept. Tanizaki ist jedoch sehr wohl bewusst, dass bereits zu seiner Zeit das Porzellanweiß der Fliesen, das auf Hochglanz polierte Silber und das elektrische Licht im Begriff sind, sich aus dem Okzident mehr und mehr auszubreiten und eine tradierte japanische Ästhetik der im Kerzenschein flackernden Schatten auf den Holzfußböden und Tatami-Matten zu verdrängen. Diese Gleichzeitigkeit, die Sehnsucht nach dem Schatten als im japanischen Wesen Verwurzeltes und die Erkenntnis, dass der Schatten in seiner Kultur immer mehr aus den Winkeln vertrieben wird, verleitet ihn wohl dazu, dieses Grundbedürfnis der Ästhetik des Schattens an manchen Stellen so absolut und sein eigenes Empfinden mit dem all seiner Landsleute gleichzusetzen. Diese Zuspitzung lässt sich vermutlich einfach damit erklären, dass Tanizaki, der sich an manchen Stellen als ein Grantler gegen den Fortschritt herausstellt, damit versucht, den Wert traditioneller Ästhetik hervorzuheben, und dort, wo er ihn als im Verschwinden begriffen erlebt, gar zu überhöhen und gegen die westliche Lichtinvasion zu schützen.

Bereits begrifflich verweist die europäische „Aufklärung“ auf eine Geisteshaltung, die der Dunkelheit am liebsten ganz den Garaus machen würde, ermöglichte doch das Licht, sich aus dem rückblickend restriktiven, menschenfeindlichen „finsteren“ Mittelalter zu befreien. Das Licht erlaubt, die Dinge von allen Seiten zu betrachten, sie vollständiger zu erfassen, das nur blind Geahnte in die Vernunft zu überführen und zu beherrschen. Nur wo es ausreichend Licht gibt, wo das nie ganz Fassbare des Mythos überwunden wird, ist eine Reflexion möglich. Erst wenn Aurora die Dunkelheit vertreibt und der geistige Horizont aufklart, kann der Mensch mündig werden.

Aber auch das Licht kann den Blick trüben, denn ist es zu hell, wird es zu stark reflektiert, blendet die grell leuchtende Oberfläche und erschwert ein Abtauchen, um den Dingen auf den Grund zu gehen. War es also einst die Dunkelheit, die den Menschen blind für die Welt machte, lässt er sich heute vielleicht nur zu gern vom Schein der Dinge blenden.

Obwohl das gegenwärtige Japan vor allem in den Großstädten das Dunkel ganz und gar ausgeleuchtet hat, ja mehr noch, die von Tanizaki postulierte Lichtlust der westlichen Kultur noch in den Schatten stellt, lohnt sich sein Text auch heute, da er es überzeugend versteht, das Augenmerk auf die Vorzüge des Diffusen zu lenken, das sich auch in der Gegenwart trotz einem Übermaß an Licht in manchen Winkeln behaupten kann, und so imaginative Räume erschafft, die sich der hell ausgeleuchteten Oberfläche der Dinge widersetzen. Denn gerade das vermeintlich Sonnenklare kann umso trügerischer sein, je mehr es vorgibt, unerschütterliche Tatsachen zu benennen.

Goseki Kojimas und Kazuo Koikes „Lone Wolf and Cub

Als Lob des Schattens lassen sich auch die Illustrationen Goseki Kojimas in der Manga-Serie „Lone Wolf and Cub“ verstehen.

Darin schiebt der in Ungnade gefallene Scharfrichter des Shoguns Ogami Itto seinen Sohn in einem Kinderwagen durch das feudale Japan und verdingt sich als Auftragsmörder. Dieser „einsame Wolf“ wird vor allem für politische Morde angeheuert, in einer Welt, die geprägt ist von Machtintrigen, von hochkomplexen Herrschaftsstrukturen, in der sich Fürsten und Shogun untereinander und gegenseitig bekriegen und in der Ogami als Vollstrecker politischer Ranküne zumeist zwischen alle Fronten gerät.

Dieses bereits in der Rahmenhandlung schwer entwirrbare Knäuel aus Beziehungen, bei denen die Trennlinien zwischen Gut und Böse nicht selten verschwimmen, wird auf der Ebene der Illustrationen durch die oft harten Kontraste zwischen dem Weiß des Papiers und den schwarzen Tuscheschraffierungen insofern verstärkt, als sich auf manchen Panels gar nicht klar erkennen lässt, was da nun eigentlich im Detail abgebildet wird. Zwar finden sich in einigen Episoden auch Grautöne, doch in der Regel verzichtet Kojima auf Abstufungen. So dominiert in Abschnitten, in denen die Hintergründe der Handlung erzählt werden hin und wieder das Weiß, doch oft finden bereits diese ersten Zusammentreffen zwischen Ogami und seinen Auftraggebern im Verborgenen statt, im diffusen Schein flackernder Kerzen und Fackeln, sodass auch hier bereits das für den Leser Undurchschaubare, Schattenhafte überwiegt.

Das ist erst recht in den actiongeladenen Abschnitten der Fall, was hier insofern konsequent ist, als das Auge des Betrachters die Geschwindigkeit von dynamischen Bewegungen grundsätzlich nicht klar zu erfassen vermag, je näher er dem Geschehen ist. Auf der erzählerischen Mikroebene erweckt also das Diffuse, das Unklare der Darstellung eine größere Nähe und Unmittelbarkeit im Betrachter, und wird zur bildlichen Metapher für ein hohes Tempo auf dem unbewegt starren Comicpanel.

Gleichzeitig hat diese Ästhetik des Schattens aber auch die Funktion, den unterschiedlichen Wissenshorizont zwischen dem Protagonisten der Erzählung und dem Leser zu etablieren. Während die Illustrationen der Kampfhandlung dem Leser nur ein diffuses Bild der Abläufe vermitteln, scheint Ogami genau zu wissen, was er tut. Eben diese Inszenierung, in der der Leser nur grob ahnen kann, was sich da abspielt, während der Held ganz Herr der Lage ist, ist auch das Kompositionsprinzip der einzelnen Episoden.

Ogami gerät bei seinen Aufträgen immer wieder in ein Geflecht aus Intrigen, bei dem ihm oft mehr als eine Partei nach dem Leben trachtet. Der Leser weiß aber grundsätzlich weniger als der Held, sodass die Spannung des Erzählten sich, wie nicht selten in Trivialliteratur, daraus ergibt, dass dem Einsamen Wolf eine Falle gestellt wird, in die er, so wird dem Leser suggeriert, hineintappt, wobei sich am Ende meist herausstellt, dass die Falle bereits zum Kalkül des Helden gehört hatte, dass er willentlich und nur scheinbar auf die List der Feinde hereingefallen ist, denn eigentlich war dies Teil des Plans, bei dem er durch das Überraschungsmoment nicht nur seine Widersacher, sondern auch den Leser übertölpelt und seinen Auftrag erfolgreich ausführt.

Das diffuse, schattenhaft undurchschaubare der Illustrationen ist also das Kernelement der gesamten Erzählung. Es findet sich in „Lone Wolf and Cub“ eine Verschränkung von formaler, grafischer Darstellung und erzählerischem Inhalt. Das nicht Eindeutige ist, wenn man so will, das wesentliche Prinzip der Architektur dieser Geschichte. Auf der kleinsten narrativen Ebene der Aktion ist es von der Wahrnehmungserfahrung motiviert, dass durch eine große Nähe des Betrachters am Geschehen das Auge die dargestellte Bewegung nur unklar erkennen kann, und es wird so zu einer visuellen Metapher für Dynamik. Auf der mittleren erzählerischen Ebene der Episodenhandlung illustriert die Ästhetik des Schattens den Wissensvorsprung des Helden gegenüber dem Rezipienten und fördert so das Überraschungsmoment am Wendepunkt der Handlung. Und auf der Makroebene der Rahmenhandlung ist sie Sinnbild der undurchsichtigen politischen Verwicklungen und Herrschaftsstrukturen, in denen sich der Leser nur schwer zurechtfindet, während der Held es versteht, sich souverän auch auf dem Terrain des Politischen zu bewegen. Die Ästhetik des Schattens, des Verschleierns, ist also das zentrale Stilmittel von „Lone Wolf and Cub“, sowohl auf narrativer Ebene in den Texten Kazuo Koikes, als auch in den Illustrationen Goseki Kojima. Sie ist Wesen und ästhetischer Reiz der gesamten Serie.

War bei Tanizaki also der Schatten ein Ort des Rückzugs, der inneren Einkehr und Kontemplation, so ist er in „Lone Wolf and Cub“ vor allem ein Stilmittel der Verschleierung, um Spannung aufzubauen. So unterschiedlich die Funktion also jeweils sein mag, fest steht, dass für beide Konzepte das Zwielicht eine entscheidende Rolle spielt und dass für sie die Forderung nach mehr Licht verheerend wäre.

Tanizaki Jun’ichiros – Lob des Schattens – Entwurf einer japanischen Ästhetik. In der deutschen Übertragung von Eduard Klopfstein, 1987 bei Manesse erschienen.

Kazuo Koike & Goseki Kojima – Lone Wolf and Cub Volume 1 – The Assassin’s Road. Eine englische Übersetzung von Dana Lewis erschien 2000 bei Dark Horse Manga.

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