„Il vous faut construire les situations “ – Alexander Trocchis „Kains Buch“

Was lässt sich über Alexander Trocchi nicht alles sagen? Junkie, Autor, Revolutionär… Junkie. Welche Verbindungen lassen sich nicht zur Underground-Kultur seiner Zeit ziehen? Man könnte erzählen, dass er mit den Beat-Poeten durchs Land gefahren ist, mit Gregory Corso, Jack Kerouac und William Bourroughs, dass er Marianne Faithfull einen Fix gesetzt hat, dass er vor den Behörden wegen des Verkaufs von Heroin an Minderjährige nach Kanada geflohen und ein paar Tage bei Leonard Cohen untergetaucht ist. Und man kann darauf verweisen, dass er lose mit einer Vereinigung verbunden war, die halb Kunstavantgarde, halb politische Gruppe sein wollte: der Situationistischen Internationale.

Die Situationisten hatten sich aus Künstlern, Junkies und Kleinkriminellen rekrutiert, die meisten wohl alles in Personalunion, die gegen eine von Guy Debord verächtlich als Gesellschaft des Spektakels charakterisierte Öffentlichkeit aufbegehrten. Ganz in diesem Sinne ist die Geschichte, die der 1960 erschienene Roman „Cain‘s Book“ erzählt, konsequent unspektakulär, sieht man einmal von den Drogen- und Sexeskapaden ab, die ein heutiger Leser wohl eher schulterzuckend zur Kenntnis nimmt.

Joe Necchi lebt auf einem Verladekahn in der Bucht von Manhattan, lässt sich durchs Leben schippern, trifft sich mit Junkie-Kollegen, um Drogen aufzutreiben, sich einen Schuss zu setzen, sucht kurze, bedeutungslose Liebesabenteuern, mit Frauen und Männern gleichermaßen.

Ganz im Sinne der inneren Antriebslosigkeit des Erzählers gibt es in „Kains Buch“ kaum eine zielgerichtete äußere Handlung, was aber in einem Roman nicht verwundern kann, bei dem ein kapiteleinleitendes Zitat lautet: „Es gibt keine Geschichte zu erzählen“. Stattdessen Gedankenströme, politische wie philosophische, ein erzählerisches Springen durch Zeitebenen. Der Roman ist streckenweise genau so, wie man sich existentialistische Literatur vorstellt: Der Furor des Aufbegehrens eines angry young man, der sich als Bürgerschreck stilisiert, durchweht zu Beginn fast jede Seite, eingestreut, schwer zugängliche philosophische Exkurse.

Es wimmelt vor Zitaten und Verweisen, von De Sade, Cocteau über Sartre und Camus bis Kafka. Leider ist die Literatur der Existentialisten, und im Grunde waren die Vorstellungen der Situationisten nicht allzu weit davon entfernt, mittlerweile zu einem Klischee erstarrt, scheint bis zu einem gewissen Grad fast zum Grundstock des ideologischen Baukastens heutiger Demo-Gänger geworden zu sein, aus dem sich auch der Wutbürger hin und wieder gerne Mal etwas herauspickt. Und wer einen Roman über die New Yorker Drogenszene der frühen 1960er Jahre erwartet, wird hier womöglich enttäuscht. Zwar sind Drogen sicherlich ein zentrales Thema, das bei Erscheinen auch zur Beschlagnahmung des Romans geführt hatte, doch ist man heute mittlerweile härteren Stoff gewöhnt.

Tragik, vielleicht aber auch Glück der Situationisten war, dass ihre Ideen in den Massenprotesten Ende der 60er Jahre aufgingen. Vielleicht hat sich für die Dauerrevolutionäre, die sich der Ideologie des Augenblicks verschrieben hatten, die Revolution ja einen Augenblick lang erfüllt, wie dies der US-amerikanische Musikjournalist Greil Marcus in seinem Buch „Lipstick Traces“ behauptet. Der anarchistische Moment war mit der Ausbildung von Strukturen der linken Protest-Bewegung allerdings bereits vorbei.

Nicht erst mit dem Heroin-Chic der 1990er Jahre sind Merkmale des Underground voll im massentauglichen Kulturbetrieb aufgegangen. Die Situationisten waren Punks, bevor es den Begriff überhaupt gab. Als Malcolm McLaren, der ebenfalls in Kreisen neu aufgekommener situationistischer Bewegungen verkehrte, mit seiner gecasteten Boyband Sex Pistols in aller Munde war, erinnerte sich an die Situationisten kaum noch jemand. Vielleicht waren sie aber auch nie einflussreich genug, im Inneren zu zersplittert, in ihren Ideen zu radikal ephemer, um wirklich von Dauer sein zu können. Der Versuch der Situationisten, die Konsumgesellschaft mit ihren eigenen Waffen zu schlagen, durch den Einsatz und die Verfremdung von für Werbeanzeigen prototypischen Bildern etwa, klang vielleicht vielversprechend, was sie aber damals, in einem weitaus rigideren gesellschaftlichen Klima, noch nicht absehen konnten, war, was für einen große Magen ein ganz auf Konsum gegründetes System entwickeln konnte, das sich wie selbstverständlich noch scheinbar Schwerverdauliches einverleiben kann, ohne auch nur Sodbrennen zu bekommen. Mit Guerilla-Marketing wurde der Angriff der Situationisten in den 1980er Jahren gekontert. Wo bei ihnen das Aufbegehren wie Werbung aussah, sieht heute Werbung manchmal aus wie Street Art.

Wenn es an „Kains Buch“ heute politisch noch etwas Aufregendes oder Aufrührerisches geben sollte, dann vielleicht das Bekenntnis des Protagonisten, einfach nichts zu wollen, nicht arbeiten zu wollen, kein hehres Ziel im Leben zu haben, und genau zu dieser Einstellung findet sich ein kurzer Verweis am Ende des Buches, der dann doch überrascht: der Begriff des Homo ludens. Ihn hatte der niederländische Kulturhistoriker Johann Huizinga mit seinem gleichnamigen Buch über Wesen und Bedeutung des Spiels für die menschliche Kultur 1938 geprägt. Und plötzlich wirkt „Kains Buch“ irgendwie wieder aktuell.

Mit diesem Begriff des „spielenden Menschen“ verweist Trocchi auf ein theoretisches Fundament, dessen bekanntester Vorläufer in Deutschland wohl Friedrich Schillers Ausspruch, nur wo er spiele, sei der Mensch ganz bei sich selbst, ist. Trocchi legt nahe, dass „Kains Buch“ in erster Linie ein Spiel ist und dass das Wesen des Spiels darin besteht, zunächst einmal funktionslos zu sein, nichts anderes zu wollen, als eben gespielt zu werden, ohne darüber hinaus irgendeine immanente Bedeutung zu haben. Literatur, aber vor allem das Leben, auf diese radikale Weise als Spiel zu begreifen, wirkt in einer Welt, „in der alle etwas wollen sollen“ tatsächlich unerhört.

Doch auch dieses Feld der Funktionslosigkeit, das in einer Gegenwart, in der Arbeit fast schon religiöse Züge angenommen hat, vielleicht noch die breite Masse zu empören in der Lage ist, wird gerade von den Mechanismen der Konsumgesellschaft unterwandert. Unter dem Schlagwort der Gamification, wird dem Spiel seine vermeintlich naive Unschuld genommen, indem man es funktionalisiert. Es wird festgestellt, dass das Spielen von Ego-Shootern gewisse kognitive Funktionen des Gehirns stimuliert und fördert, psychologische Strukturen von Menschen werden durch ihr Verhalten beim Spielen analysiert, und es soll sogar Unternehmen geben, die potentielle Arbeitnehmer gerne beim Spielen unter die Lupe nehmen, um sich dann, wenn diese „ganz bei sich selbst sind“, ein umfassendes Bild von ihnen zu machen. Der Markt ist gerade dabei, das produktive Potential des Spielens zu entdecken und für seine Zwecke zu nutzen.

Vielleicht ahnte Trocchi, dass auch diese letzte Bastion des indirekten Aufbegehrens des Menschen als Homo ludens irgendwann fallen wird und hat sie deshalb in einem kurzen Satz am Ende von „Kains Buch“ versteckt. Vermutlich ist das aber eine Unterstellung, die zu weit gehen würde. Den Eindruck eines vom politischen Furor beseelten jugendlichen Anti-Helden zu Beginn des Romans relativiert Trocchi immer mehr, je länger der Text umherstreift. „Kains Buch“ schlägt viele Wege ein, ganz wörtlich innerhalb der Erzählung durch New York, aber auch durch die Literatur- und Ideengeschichte, ohne jemals ganz irgendwo ankommen zu wollen. Vielleicht ist dies ja gerade das Empörende und deswegen immer noch sehr lesenswerte an dem Roman. Das und Trocchis bilder- und metaphernreiche Sprache, die, weniger in abstrakten existenzphilosophischen Exkursen als vielmehr in konkret beschreibenden Situationen, beim Lesen einen starken Eindruck hinterlässt.

Alexander Trocchi – Cain’s Book erschienen 1960 bei Grove Press.

Deutsch als Kains Buch in der Übersetzung von Wulf Teichmann unter anderem 1999 bei Ullstein neu aufgelegt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s