Rowohlt, Borges und zwei Vögel – Flann O’Brians „Auf Schwimmen-zwei-Vögel“

Der 1939 erschienene Roman des irischen Autors Flann O’Brian, eigentlich Brian O’Nolan, „Auf Schwimmen-zwei-Vögel“ gilt laut Wikipedia als ein früher postmoderner Roman, der sich vor allem durch den Einsatz von Meta-Fiktionen auszeichnet. Gespickt mit zahlreichen Verweisen und Bezügen mag er auf den ersten Blick verwirrend wirken, weswegen es zunächst vielleicht ratsam ist, sich allein auf Inhalt und Titel des Romans zu beschränken, um von hier aus einen Zugang zum Text zu finden.

Was der Titel bedeuten soll, ist zunächst unklar. Sicher, Schwimmen-zwei-Vögel ist der Name einer Insel, aber warum sie titelgebend ist, bleibt Flann O’Brians Geheimnis. Bezeichnend übrigens, dass der Roman bis 2002 in der Übersetzung von Harry Rowohlt noch „In Schwimmen-Zwei-Vögel“ hieß. Erst in der Überarbeitung, ebenfalls durch Rowohlt, wurde aus dem „In“ ein „Aus“, was dann aber wiederum bedeutet, dass sich der Hinweis, es handele sich bei der namensgebenden Örtlichkeit um eine Insel, auch erst in der Neubearbeitung findet. Oder stand das gar nicht so im Roman, war das irgendwo in einem Interview mit Rowohlt, oder in einem Vor- oder Nachwort? Doch nicht etwa bei Wikipedia? Egal. Viel entscheidender ist, dass der Titel insofern treffend ist, als er einen ersten Hinweis gibt, worum es in dem Roman geht.

Dazu Rowohlt im Klappentext wie folgt: „Eine Gruppe von Menschen geht von A nach B und quatscht sich dazwischen fest.“ Da der Übersetzer über die Handlung Bescheid wissen müsste, ist diese Zusammenfassung wohl eher augenzwinkernd zu verstehen. Nein, über den eigentlichen Inhalt sagt sie nicht allzu viel. Sicher, in dem Roman gehen auch Leute von A nach B, darüber hinaus schreibt auch noch jemand einen Roman, also O’Brian, eigentlich O’Nolan, schreibt einen Roman über einen Studenten, der einen Roman schreibt, und zwar über einen alten Romanautor, der wiederum, naja, natürlich einen Roman schreibt, dessen Romanfiguren wieder Romane schreiben, über ihren eigenen Autor. Insofern geht Rowohlts Zusammenfassung natürlich am Inhalt vorbei, was allerdings für einen Roman, in dem tatsächlich ständig jemand irgendwo vorbeigeht, vielleicht dann doch nicht ganz unpassend ist. Zumindest erzeugt sie die richtige Einstellung im Leser, denn wer das Buch in der Erwartung zur Hand nimmt, über Leute zu lesen, die sich festquatschen, wird nicht enttäuscht. Natürlich steht bei Harry Rowohlts Kommentar vor allem dieser für ihn typische Gestus der Verachtung einer bildungsbürgerlichen Literaturauffassung im Vordergrund, und in dieser Geisteshaltung ist natürlich auch sein Hinweis zu verstehen, man sei entweder Joyce-Anhänger oder O’Brian-Verehrer, beides zusammen ginge nicht. Wikipedia, weiß jedoch zu berichten, „In…“ natürlich müsste es „Auf Schwimmen-zwei-Vögel“ heißen, sei der letzte Roman, den Joyce las, und er habe ihn durchaus gemocht.

Zurück zum Inhalt: Vielleicht sollte man dazu am besten jemanden befragen, der wie kaum ein anderer eine Universalbibliothek verkörperte, lange bevor es Wikipedia gab, den vor dreißig Jahren verstorbenen Jorge Luis Borges. Frei übersetzt, den englischen Wikipedia-Eintrag über O’Nolan, zitierend, der wiederum Borges in einer englischen Übersetzung aus dem Spanischen zitiert, der übrigens ganz fasziniert war von Bibliotheken oder vielmehr mehr von Bibliotheken in Bibliotheken in Romanen, allgemeiner von Meta-Fiktionen, Fiktionen von Fiktionen innerhalb von Fiktionen… Auf der Seite ist zu lesen, Borges habe in seinem dreiseitigen Aufsatz, „When Fiction lives in Fiction“ über O’Brians Roman in etwa gesagt:

„Ich habe bereits etliche sprachliche Labyrinthe aufgezählt, doch keines ist so komplex wie das kürzlich von Flann O’Brian erschienene Buch „In Schwimmen-Zwei-Vögel“. Ein Dubliner Student schreibt einen Roman über den Besitzer eines Pubs in Dublin, der einen Roman über die Stammgäste seines Pubs schreibt (unter ihnen auch der Student), die ihrerseits wiederum Romane schreiben, in denen der Pubbesitzer und der Student gemeinsam mit anderen Schriftsteller als symbolische Figuren für andere Romanautoren auftreten. Das Buch besteht aus ausgesprochen vielfältigen, mit zahlreichen Anmerkungen des Studenten versehen Manuskripttypen dieser realen oder erfundenen Personen. „Auf Schwimmen-Zwei-Vögel“ ist nicht bloß ein Labyrinth, der Text ist vielmehr eine Auseinandersetzung mit den etlichen Lesarten des irischen Romans, und er ist eine wahre Fundgrube an Fingerübungen in Prosa und Lyrik, die alle literarischen Stile Irlands illustrieren oder parodieren. Der Einfluss von Joyce als einer Art Leitfigur (auch er, ein Erbauer von Labyrinthen, auch er ein literarischer Proteus) ist zwar nicht von der Hand zu weisen, jedoch ist er in diesem facettenreichen Buch auch nicht dominierend. Arthur Schopenhauer schrieb, dass Traum und Wachzustand Seiten ein und desselben Buches seien und dass im Wachzustand zu leben bedeutet, sie in der richtigen Reihenfolge zu lesen, während das Träumen wie ein zufälliges Durchblättern ist. Gemälde innerhalb von Gemälden und Bücher, die sich in andere Bücher verzweigen, helfen uns dabei, diese Einheit von Wachzustand und Traum zu erfahren.“

So oder so ähnlich vermutlich nachzulesen auch in der offiziellen deutschen Übersetzung des Aufsatzes „Wenn die Fiktion in der Fiktion lebt“ in Band 2 der gesammelten Werke von Borges.

Also noch einmal zusammenfassend, worum es in O‘Nolans Roman „Auf Schwimmen-zwei-Vögel“ geht: Einige Romanfiguren schreiben und erschreiben einander und schreiben sich selbst und auch gegenseitig um, und am Ende hat man einen Abriss der Literaturgeschichte Irlands vor sich, von den Sagen Finn McCools bis zu James Joyce, der in seinem Ulysses allerdings wiederum auf die keltische Sagenwelt Bezug nimmt und so wiederum… ach, lassen wir das.

Ach ja, in „Auf Schwimmen-zwei-Vögel“ gibt es auch noch einen Pooka , der hat einen (jawohl, einen, weil nämlich männlichen) Fee in der Tasche, und ist eine komische, fast schon alberne Figur, denn anders als bei Joyce ist bei O’Brian das Mittel der Darstellung nicht nur ein absurdes, augenzwinkerndes Spiel, sondern das Buch ist gespickt mit einem Humor, der auch nicht vor Slapstick und Kalauern Halt macht.

Ob der Ausspruch Hokus Pokus irgendetwas mit dem irischen Pooka zu tun hat, ließ sich auf der deutschen Wikipedia-Seite übrigens nicht klären. Sie vermutet eher eine Verballhornung eines kirchenlateinischen liturgischen Ausspruchs. Die englische Seite verweist immerhin bei dem möglichen Ursprung von Hokus Pokus auf einen Dämon aus der nordischen Mythologie namens Ochus Bochus, der wiederum eine Verballhornung des Namens Bacchus sein könnte (ja, ein Bacchus ist O’Brians Pooka durchaus) und in der „Encyclopedia of Demons in World Religions and Cultures“ findet sich unter Ochus Bochus ein Verweis auf den walisischen Ausspruch hovea pwca, mit dem der Streich bezeichnet wird, der einem von einem Pwca, eine alternative Schreibweise des Pooka oder Púca, gespielt wird, womit sich ein Kreis schließt, allerdings offen bleibt, ob sich Hokus Pokus nun tatsächlich von Pooka herleitet.

Entschuldigung. Festgequatscht.

Ausgehend von dieser ersten Hilfestellung einer groben Inhaltsanalyse und der Klärung des Romantitels sollte es nun vielen Lesern einfacher fallen, den Roman O‘Nolans für sich zu entdecken, den zahlreichen Anspielung und Hinweisen nachzugehen und sich an der Tiefe und Vielschichtigkeit von „In Schwimmen-zwei-Vögel“ zu erfreuen.

Flann O’Brian – At Swim-Two-Birds erschien im Original 1939 bei Longman Green & Co. Die deutsche Übersetzung Auf Schwimmen-zwei-Vögel erschien unter anderem 2011 in der Gesamtausgabe bei Kein & Aber in einer überarbeiteten Übersetzung von Harry Rowohlt.

Jorge Louis Borges‘ Essay Wenn die Fiktion in der Fiktion lebt erschien in hierzulande unter anderem 2005 in Band 2 der Gesamtausgabe von Hanser. Für die dortige Übertragung ins Deutsche zeichneten sich Karl August Horst und Gisbert Haefs aus.

Die Encyclopedia of Demons in World Religions and Cultures von Theresa Bane erschien 2012 bei Mcfarland & Co Inc.

Auf die deutsche Wikipedia-Seite gelangt man, wenn man de.wikipedia.org in die Browserleiste eingibt.

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