The Crack of Doom is Coming Soon – Nathanael Wests „Miss Lonelyhearts“

Nathanael Wests 1933 erschienener Roman Miss Lonelyhearts gilt gemeinhin als Mediensatire, doch wer den Begriff „Satire“ hauptsächlich mit dem Satiregipfel im Fernsehen verbindet, wird womöglich enttäuscht sein, denn zum Lachen ist Miss Lonelyhearts kaum. Im Nachwort der englischsprachigen Reclam-Ausgabe charakterisiert Andreas Mahler Satire folgendermaßen: „Das Satirische steht in Opposition zum Komischen, das dessen Aggressivität und Bedrohlichkeit immer schon in heiterem Gelächter abschwächt […]“. Nein, lustig ist der Roman nur sehr bedingt. Eher, grausam, kühl, zynisch.

Miss Lonelyhearts ist eigentlich ein Mann, ein noch recht junger, ein Journalist, der den Kummerkasten einer Tageszeitung betreut und der verzweifelten Lesern, meist sind es Leserinnen, die sich hoffnungsvoll an Miss Lonelyhearts wenden, Ratschläge erteilen soll, wie sie die Probleme, die Katastrophen, Schicksalsschläge und Niederlagen in ihrem Leben meistern können.

In der Redaktion der Tageszeitung, für die Miss Lonelyhearts arbeitet, wird die Kolumne eher als Witz verstanden, als Vehikel zur Auflagensteigerung, durch das die Leser an den Schicksalsschlägen anderer teilhaben können, und zwar aus der sicheren Distanz des Unbeteiligten. Dieses vermeintliche Mitleiden ist, wenn nicht gar Schadenfreude, so doch eigentlich die Freude an der eigenen Rührung. Sie ist eines der Grundmerkmale kitschiger Emotionalität, die darauf aus ist, nicht so sehr die Not anderer empathisch zu teilen, als sich vielmehr an der eigenen Empfindsamkeit zu erfreuen, die umso leichter zu genießen ist, als sie nicht den Kern der eigenen Existenz bedroht, ja diese noch nicht einmal berührt.

Das Problem dieser Miss Lonelyhearts ist, dass es ihm nicht gelingen will, die Schicksalsschläge, mit denen er tagtäglich konfrontiert ist, auf die leichte Schulter zu nehmen, dass er nicht anders kann, als die Katastrophen in den Leben anderer ernst zu nehmen. Gleichzeitig muss Miss Lonelyhearts feststellen, dass er genauso wenig in der Lage ist, den Menschen, die sich an ihn wenden, zu helfen. Ihre Situation erscheint ihm oft so ausweglos, dass er den Eindruck hat, ihnen sei schlichtweg nicht zu helfen, schon gar nicht mit den allgemein gehaltenen, religiös-esoterisch gefärbten Floskeln einer Kummerkastentante.

Miss Lonelyhearts ist jedoch auch alles andere als ein Philanthrop, im Gegenteil. Er ist neurotisch, aufbrausend, aggressiv. Er trinkt zu viel, ist manchmal sadistisch und hat einen Jesus-Komplex, der sich aber nicht in Form der tätigen Nächstenliebe äußerst, sondern vielmehr darin, dass er nur in Gedanken meint, anderen helfen zu müssen, dass er sich aber, wenn es darauf ankommt, dem Gefühl der eigenen Ohnmacht, der Überforderung und seinem sexuellen Verlangen ergibt.

In den Interpretationen der Vergangenheit wurde Miss Lonelyhearts stark auf eine psychoanalytische Dimension reduziert und zu Recht lehnen neuere Interpreten diesen Ansatz grundsätzlich ab. Gleichzeitig bleiben sie aber eine Deutung der zahlreichen sexuellen Metaphern, Symbole und Anspielungen schuldig, etwa wenn Miss Lonelyhearts beim Anblick des Walter Monument den Eindruck hat, dessen Schatten wachse stoßweise wie ein sich aufrichtender Penis, es für ihn so aussieht, als stünde es kurz davor, „eine Ladung Granitsamen auszustoßen“.

Wenn es Miss Lonelyhearts nicht gelingen will, sich genau wie seine Kollegen dem Defätismus, Hedonismus und Eskapismus hinzugeben, muss er einen anderen Weg einschlagen: Er versucht, der Welt Sinn zu geben, indem er sie vor seinem inneren Auge nach Mustern und Systemen anordnet. Im Wachzustand wie im Traum konstruiert er aus Alltagsgegenständen Symbole, setzt der nach Auflösung strebenden Natur, der Entropie, eine menschgemachte Ordnung entgegen. Als sich die Gegenstände vor seinem inneren Auge schließlich zur Form eines Kreuzes zusammenfügen, erscheint ihm das Christentum doch als ein Ausweg, einen, den er allerdings bereits zu verwerfen versucht hatte. Gleich zu Beginn des Romans hatte er erkannt, dass sein Hang zur Religiosität fatalerweise stets mit einer Neigung zur Hysterie Hand in Hand ging. Besonders frappierend wird dies an einem Traum deutlich, in dem er Gott ein Opferlamm darbringen möchte, die Opferung aber gründlich misslingt, er das Lamm mit einem Messer nur verstümmelt, nicht aber tötet und sich schließlich genötigt sieht, es aus Mitleid mit einem Stein zu erschlagen.

Obwohl der Roman im Milieu einer Zeitungsredaktion angesiedelt ist, wäre es wohl zu kurz gegriffen, ihn als bloße Mediensatire zu begreifen, denn gerade im Massenmedium Zeitung, das sich spätestens in den 1920er Jahren in den USA endgültig durchgesetzt hatte, spiegeln sich grundlegende gesellschaftliche Probleme und Tendenzen. Der Vorwurf, den Miss Lonelyhearts Radio, Kino und Zeitung macht, ist, dass sie Träume, die zuvor stets ein Instrument waren, mit dem der Mensch sein Elend bekämpft hatte, zu etwas Infantilem haben verkommen lassen, und „unter all dem Betrug“, den die Massenmedien am Menschen in der Moderne verübt haben, „ist das der Schlimmste“.

Die Sprache des Romans changiert zwischen Zeitungsjargon und üppig bildreicher Sprache, mit einem starkem Gegenwartsbezug zu den USA der 1930er Jahre. So verweist West auf Autoren, Sportler, Designer und Künstlern der Zeit, etwa Matisse und Picasso, allerdings bezieht er sich auch immer wieder auf Literatur einer vergangenen Epoche, unter anderem auf Joris-Karl Huysmans, Proust und vor allem Dostojewski. Dabei vermischt der Roman verschiedene Textsorten, denn neben einem personalen Erzähler finden sich auch unmittelbar wiedergegebene Briefe, Verweise auf Zeitungsnotizen, Gebete und Predigten. Dass der Roman die Textsorten, die er aufgreift, aber ironisiert und verfremdet, sowohl die Briefe, mit ihren vielen Rechtschreibfehlern, als auch die monologischen Predigten seines Chefs, die sich zwar einer religiösen Sprache bedienen, im Kern aber oft frivol sind, verleiht „Miss Lonelyhearts“ karnevaleske Züge. Diese klingen auch inhaltlich an, etwa in der Briefschreiberin, die ohne Nase geboren wurde. Dazu wieder Andreas Mahler: „Der Karneval feiert den Wechsel als solchen, den Prozess der Ablösbarkeit selbst, und nicht das, was abgelöst wird. Der Karneval ist sozusagen funktional und nicht substantial. Er verabschiedet nichts, er verkündet die fröhliche Relativität alles Bestehenden.“

Dass der Roman in der Zeit der Great Depression angesiedelt ist, bei der ein Wechsel der Verhältnisse nicht abzusehen war, lässt den Karneval zum Normalzustand werden, und die fröhliche Relativität kippt so in eine existenzielle Bedrohung. Der Karneval wird zum Fest der Apokalypse und „das apokalyptische Fest ist das Fest des Zynikers“.

„Miss Lonelyhearts“ verlangt dem Leser so einiges ab. Nicht nur ein umfangreiches Hintergrundwissen, um auch nur einen Bruchteil der Verweise und Bezüge nachvollziehen zu können, welche die meisten Ausgaben zumindest teilweise in ihrem Anmerkungsapparat andeuten. Vor allem muss man ihn ertragen können. Man muss sich auf die Grausamkeit und den Zynismus einlassen wollen, ohne dass die seltenen wirklich komischen Passagen eine Befreiung wären und den Leser Distanz zum Roman aufbauen ließen. Im Prinzip steht der Leser vor demselben Dilemma wie Miss Lonelyhearts im Roman – er muss ertragen können, dass es womöglich keine Rettung gibt.

Nathanel West – Miss Lonelyhearts, erstmals in den USA 1933 bei Liveright erschienen.

Bei Reclam erschien 1991 eine englische Ausgabe, herausgegeben und mit einem deutschen Nachwort versehen von Andreas Mahler.

2012 erschien unter demselben Titel bei Manesse die deutsche Ausgabe, die von Dieter E. Zimmer übersetzt und herausgegeben wurde.

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