Grauschleier über der Stadt – Jörg Fausers „Der Schneemann“

Jörg Fauser gilt als Wegbereiter der deutschen Underground-Literatur, machte sich zunächst vor allem mit Reportagen einen Namen, gab zusammen mit Carl Weissner, der unter anderem William Burroughs und Nelson Algren übersetzte, sowie Jörg Ploog ab den 70er Jahren die Zeitschrift Gasolin 23 heraus, die sich als deutsches Sprachrohr der Beatliteratur verstand. Weil Fauser, so heißt es, mit seinen Reportagen nicht genug verdiente, um davon leben zu können, schrieb er eben einen Roman – „Der Schneemann“ sollte sein literarischer Durchbruch werden.

Die Geschichte beginnt in Malta, wo der Kleinganove Blum, wie Blume nur ohne „e“, in einem verwüsteten Hotelzimmer einen Abholschein für ein Schließfach in München findet. Gut verpackt in einigen Dosen Old Spice-Rasierschaum entdeckt er mehrere Päckchen Kokain. Er arrangiert ein Treffen mit einem Bekannten, einem Großdealer in München, und stellt fest, dass er da an feinsten Schnee geraten ist, Peruvian Flakes, unverschnitten, fünf Pfund mit einem Marktwert von vielleicht 400.000 D-Mark. Jetzt muss Blum den großen Fang nur noch zu Geld machen, um eine Zeit lang ausgesorgt zu haben, auf einer Südseeinsel eine Bar zu eröffnen oder auf den Bahamas ins Immobiliengeschäft einzusteigen und sein Geld für sich arbeiten zu lassen.

Münchner Norden, Leopoldstraße, Künstlerparty, die ersten sind schon hinter dem Koks her. Weiter nach Frankfurt am Main, Dealertreffen am Eisernen Steg, Jazzkeller, Hauptwache B-Ebene, Bahnhof. Über Wesel nach Holland, Amsterdam, und schließlich ins belgischen Ostende, wo es in einem heruntergekommenen Puff zum unvermeidlichen Showdown kommt.

„Der Schneemann“ steht in der Tradition der amerikanischen Hard Boiled-Krimis eines Raymond Chandler, und das macht der Roman immer wieder auch bewusst, indem etwa der Erzähler kommentiert, manche Figuren wirkten, als seien sie Büchern entsprungen. Er verweist auf Filme, auf Orson Wells „Der dritte Mann“, auf Popmusik, Bob Dylan und Bob Seger, Popkultur ganz allgemein, auf Brigitte Bardot.

Die Handlung ist nach dem klassischen Muster einer Kriminalgeschichte konstruiert: Der Antiheld gerät in eine Situation, die ein paar Nummern zu groß für ihn ist, und alle sind hinter ihm her, die Mafia, Dealer, die Polizei, doch wird dieses Konstrukt von Fauser in gewissem Sinne unterwandert. Zum einen sind die Verstrickungen in der Story zwar so angelegt, dass man bis zum Schluss nicht ganz durchblickt, wer denn nun die Fäden zieht, wer zu welcher Partei gehört, wer denn überhaupt in die ganze Sache verwickelt ist, bis sich am Ende alles mit einem Paukenschlag auflöst. Zum anderen wird diese Verwirrung auch erzählerisch noch verstärkt, indem Fauser das Geschehen aus der Perspektive eines personalen an Blum gekoppelten Erzähler schildert, und da ist es nicht gerade hilfreich, dass der sowieso schon leicht paranoide Blum auch noch anfängt, selbst zu koksen, und sich fortan von allen permanent umzingelt und verfolgt glaubt. Umso überraschender dann, wenn er nach den häufigen Fehlalarmen tatsächlich in bedrohliche Situationen gerät oder wenn Zugreisende, die er nicht mehr im Verdacht hatte, dann doch Handlanger sinistrer Organisation sind.

Dem Grundkonstrukt einer klassischen amerikanischen Detektivgeschichte fügt Fauser durch Blums Verfolgungswahn eine weitere Dimension hinzu und spielt so nicht nur mit Genre-Konventionen, sondern auch mit dem, was Schein ist und was Wirklichkeit.

Fauser gibt dem Roman einen modernen, mondänen Anstrich, durch die Sprache mit ihren zahlreiche Anglizismen, dem Alltags- und Gaunersprech, aber auch den dialektischen Färbungen. Und trotzdem oder gerade deswegen wirkt „Der Schneemann“ sehr deutsch, ist er ein Schnappschuss der bundesrepublikanischen Verhältnisse zu Beginn der 1980er Jahre, vor allem auch wegen dem, was da geschildert wird, den Lokalitäten und Milieus, den Befindlichkeiten und Themen. So begegnet man mit Blum Atomgegnern, Spät-Hippies, New Age-Jüngern, Migranten und Obdachlosen, tummelt sich im vom drogendurchwirkten elitären Künstlermilieu der Münchner Schickeria, während im Hintergrund schon das Rauschen des sich anbahnenden Börsenbooms begonnen hat.

Grundsätzlich macht Fauser durch die ironische Art der Darstellung aus seiner Abneigung gegen den elitär-versponnenen avantgardistischen Kulturbetrieb keinen Hehl. Künstler in Nazi-Uniformen, für die Pornografie und Gewalt zusammengehören, Schriftsteller, für die Fiktion die härteste Droge ist. Dann lieber ’ne Frikadelle und ’n Pils. Doch auch das Milieu des kleinen Mannes, des Arbeiters, des gesellschaftlichen Bodensatzes bietet keine echte Alternative, denn vor einem hat Blum noch weitaus mehr Angst, als im Knast zu landen oder von der Mafia gejagt zu werden – vor der miefigen deutschen Spießigkeit, mit ihren Spiegeleiern mit Bratkartoffeln, der Sportschau an Samstagnachmittagen in der Kneipe eines Provinzkaffs, vor dem Gedanken an ein bürgerliches Leben, eines, in dem er als Waschmittelvertreter durchs deutsche Hinterland tingelt wie der Handelsvertreter, dem Blum in Wesel begegnet.

Obwohl der Roman also wie ein Abenteuerroman beginnt, wenn Blum da in der Hitze Maltas versucht, veraltete dänische Pornoheftchen an den Mann zu bringen, und mit allerlei dubiosen „Geschäftsmännern“ verkehrt, so steht doch die BRD im Zentrum. Die lokale Klammerung Malta und Ostende kontrastiert umso krasser mit der Tristesse deutscher Wirklichkeit, einem Deutschland, wo der Himmel im März grau ist, man permanent durch Schneematsch waten muss, wo ständig Krähenschwärme lauernd die Landschaften heimsuchen.

Der Romantitel „Der Schneemann“ ist damit durchaus doppeldeutig, denn nicht nur ist Blum der Mann mit dem Koks, dem Schnee, nein er ist auch der Mann, der laufend durch den schmutzigen Schnee eines Landes und einer Wirklichkeit stapft, der er wohl nie ganz entkommen können wird. Wie der Roman selbst sich einen weltmännischen Anstrich gibt, um dann doch deutsche Mentalitäten weitaus schärfer zu zeichnen als viele andere, so ist auch sein Antiheld Blum viel stärker mit dieser Bundesrepublik verknüpft als ihm lieb ist. So sehr er sich auch anstrengen mag, immer fehlt ihm das letzte bisschen zum Glück wie seinem Nachnamen das „e“ zur Blume. Nachdem Blum im Laufe des Romans seinen Vornamen verschweigt, einfach nur Blum genannt werden will, erfährt ihn der Leser am Ende doch. Mit diesem bestimmt nicht zufällig deutschesten aller Vornamen, diesem „Siegfried“, wird er seinem Schicksal vermutlich nie entkommen können.

Letztlich ist die Ausgangssituation bereits so angelegt, dass Blum aus ihr kaum als Sieger hervorgehen kann. Vielleicht bewahrt ihn seine Paranoia ja sogar davor, vorzeitig im Gefängnis oder auf einer Leichenbahre zu landen, doch gleichzeitig erschwert sie es ihm, das Kokain zu Geld zu machen, selbst als er seine Erwartungen an den Erlös immer weiter herunterschraubt. Blum ist einfach ein Verlierer, und doch, als er am Ende noch die Möglichkeit bekommt, es zu etwas Wohlstand zu bringen, lehnt er danken ab – nicht zu den Bedingungen; mit Blum ist kein Staat zu machen. Er wird seinen Weg weitergehen, mag er auch noch so oft auf die Schnauze fallen. Er spielt weiter als unabhängiges Ein-Mann-Unternehmen nach eigenen Regeln, auch wenn das bedeutet, immer wieder zu scheitern. Mundabputzen. Weitermachen. Wird schon irgendwann klappen mit dem großen Glück. Oder auch nicht.

„Der Schneemann“ ist weit mehr als ein Thriller. Fauser zieht in die Stereotype des Genres zusätzliche Bedeutungsebenen ein, entlarvt die Handlung einerseits als Konstrukt, hangelt sich aber entlang dieses Konstrukt durch ein Deutschland von 1981, in dem die Diskurse und Befindlichkeiten der Zeit scharf, pointiert und lebendig gezeichnet sind. „Der Schneemann“ funktioniert als Kriminalroman ebenso gut wie als Gesellschaftsporträt und die sprachliche Raffinesse Fausers zeigt sich auch an vermeintlichen Banalitäten wie etwa dem Namen seines Protagonisten. „Siggi Blum“ passt als typischer Milieuname hervorragen in einen Thriller und gleichzeitig ist in ihm schon das ganze Dilemma seines Trägers angelegt.

Jörg Fauser – Der Schneemann. Rogner & Bernhard, 1981.

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