Betrügen ohne Betrug – Georg Kleins „Barbar Rosa“

Mit einem Auszug aus „Barbar Rosa“ räumte Georg Klein bereits 2000 den Ingeborg Bachmann-Preis ab, als der Roman dann 2001 erschien, wurde er von den Rezensenten im Großen und Ganzen hoch gelobt. Ein „postmoderner Reflex auf den klassischen Bildungsroman“ sei dies, ein „Männerroman“, ein „romantischer Finsternisroman“, doch kein „Berlin-Roman“, wie man zunächst erwartet hatte, eher die „Dekonstruktion der klassischen Detektivgeschichte“. Hubert Spiegel, und nicht nur er, findet in seiner Romanbesprechung in der FAZ Verweise auf Thomas Pynchon, ETA Hoffmann, Joseph Goebbels und Christoph Schlingensief, Jeff Koons und Andy Warhol. Der Roman verhöhne die Aufklärung, zitiere nachsichtig und liebevoll die Romantik, huldige mit Widerwillen der Postmoderne. Und der Titel? Ein Warten auf die Barbaren am Ende eines düster dystopischen deutschen römischen Reiches und natürlich die Sage von Barbarossa im Kyffhäuser.

Detektiv Mühler erhält von seinem ehemaligen Klassenkameraden und mittlerweile Arbeitgeber Hannsi den Auftrag, einen verschwundenen Geldtransporter aufzuspüren, trifft dabei allerlei merkwürdige Figuren, etwa seinen einzigen echten Freund, den urinophilen Kurti, den Performance-Künstler Bertini, die Brüder Illbich mit ihrem „Gebrauchttextfundus“, Jugendgangs und Sucko-Säufer. Am Ende wird Mühler den Transporter natürlich finden, und dass dem Leser mit dieser Vorwegnahme des Endes, was für eine Detektivgeschichte, so der Untertitel des Romans, verheerend wäre, kein Schaden entsteht, zeigt, dass „Barbar Rosa“ eigentlich nie ganz das ist, was er zu sein vorgibt.

Bei all den Verweisen und Vergleichen, die die Rezensenten und Rezensentinnen heranziehen, um sich dem Roman zu nähern, findet sich der Vergleich mit Kafka nur selten oder gar nicht. Dies ist insofern nicht verwunderlich, als „kafkaesk“ eine Zeitlang ebenso inflationär gebraucht wurde wie der Begriff „inflationär“ selbst, und kein Rezensent, der etwas auf sich hält, würde schon wieder mit diesem durchgenudelten Kafka-Vergleich kommen, zumal Georg Klein in einem Interview im Deutschlandradio Kultur 2010 aller Kafka-Spekulation mit dem Hinweis, sein eigenes Schreiben mit dem Kafkas zu vergleichen, hielte er für eine Sackgasse, einen Riegel vorgeschoben hatte. Diesen Vergleich hatte auch schon Jochen Förster 2004 in einer Besprechung von Kleins Roman „Die Sonne scheint uns“ in der FAZ als „Quatsch“ entlarvt, „weil aus Kafka Verzweiflung spricht, aus Klein Süffisanz“.

Die motivischen Ähnlichkeiten zwischen Kleins „Barbar Rosa“ und den Texten Franz Kafkas sind trotzdem frappierend.

Schwärende Wunden, Feuchtigkeit allerorten, deviante Sexualität innerhalb dessen, was gemeinhin als gesellschaftliche Tabuzone gesehen wird, eine auf den ersten Blick unschuldig-naiv wirkende Hauptfigur, Doppelungen wohin man schaut, das Fatum als Handlungsmotor, eine sprachlich nüchterne Oberfläche, bei Klein gesteigert zu einer ironisch anmutenden Antiquiertheit, einer Gemütlichkeit, unter der sich das Unerhörte, das Unerlaubte verbirgt.

Natürlich ist Kleins primärer Referenzrahmen die literarische Romantik, das Ekelhafte, das Verwesen und Erbrechen als romantische Schock-Ästhetik, wie es Winfried Menninghaus in seiner Kulturgeschichte des Ekels bezeichnet, doch finden sich in „Barbar Rosa“ Tropen des Ekels, die über die Romantik hinausgehen, und eher an den „Engel des Ekels“ und dessen Poetik des „’unschuldigen‘ Genießen ’schwefliger‘ Lüste“ (ebenfalls Menninghaus), an Franz Kafka, erinnern, der in seinen Werken alle Formen des Ekels durchexerziert, während seinen Figuren, ebenso wie Mühler in „Barbar Rosa“ stets etwas Naives anhaftet.

Mit dem „okkulten Ausschlag“ an Mühlers Händen setzt der Roman ein, mit nässenden juckenden Entzündungen; wie im allgemeinen Ausscheidungen, Sekretion und „Verflüssigungen“ viel Raum einnehmen. Etwa die erste Begegnung Mühlers mit dem Performance-Künstlers, er nennt ihn einen Körperkünstler, Bertini in einer U-Bahn, wo sich der Meister einen gewaltigen künstlichen Pickel auf der Nase ausdrückte, aus dem der Eiter „schleimte“. Vor allem aber „Freund Kurtis“ sexuelle Vorliebe für weibliche Ausscheidungen, am liebsten von älteren Frauen – die alte Vettel, auch dies wieder ein Ekel-Topos – gibt Mühler Gelegenheit, sich erzählend darauf einzulassen. Hier wird das Bild der ekelhaften Sexualität in Verbindung mit Fäkalien bemüht, doch auch in Mühler selbst, so unschuldig er sich auch geben mag, erwacht im Laufe eines Auftrags stets die sexuelle Lust. Seine allgemeine Impotenz ist wie weggefegt, und ein wiederkehrendes Motiv bei seinen „Ermittlungen“ ist der Versuch, sich dieser sexuellen Aufstauung zu entledigen. Dass es Mühlers Gewohnheit ist, sich deswegen ins „Armenblindenheim“ zu begeben, wo er mit dem Pförtner eine Abmachung getroffen hat, dass dieser ihm gegen einen Obolus „jüngste Ware“ zur Befriedigung seines Triebes zuführt, ist zunächst abstoßend. Doch die unterschwellig angedeutete Pädophilie findet sich durchaus auch in Kafkas „Der Prozeß“. Als K. sich zum Gerichtsmaler begibt, begegnet er auf den Stufen einem Mädchen: „Das Mädchen, ein kaum dreizehnjähriges, etwas buckliges Mädchen, stieß ihn darauf mit dem Ellbogen an und sah von der Seite zu ihm auf. Weder ihre Jugend noch ihr Körperfehler hatte verhindern können, dass sie schon ganz verdorben war.“ Auch die Mädchen im Armenblindenheim, an denen sich Mühler vergehen will, haben einen „Körperfehler“.

Es ließen sich zahlreiche weitere parallele Ekel-Konfigurationen bei Kafka und Klein aufzeigen. Fettleibigkeit als Merkmal abstoßender Sexualität, bei Kafka als drohende Vergewaltigung durch Brunelda im Romanfragment „Der Verschollene“, in „Barbar Rosa“ in Form des fetten Bademeisters, der Mühler, als dieser wehrlos ist, ans Geschlecht greifen will. Der Essensekel in „Der Verschollene“, der Ekel Mühlers vor fast jeder Art von Nahrung oder Flüssigkeit während eines Auftrags: Im Gebrauchttextfundus der Gebrüder Illbich ekelt sich Mühler so sehr vor dem Verzehr von Mokka, dass er sich übergeben muss.

Auch gerade die Figuren Illbich/ Hitzik, die man, wüsste man es nicht besser, für Zwillinge halten könnte, gleichen in dieser Doppelungskonstellation, indem sie fast wie verschmolzen wirken, den Henkern im „Prozeß“. Diese führen K. zur Hinrichtung und nachdem sie sie vollstreckt haben, sieht K. sie noch „Wange an Wange aneinandergelehnt, die Entscheidung beobachten“, und als Mühler den Illbichs/Hitziks im Badehaus begegnet, heißt es: „Schulter an Schulter stehend, hielten sich die alten Männer an den Hüften umschlungen und leuchteten mit siamesischer Geschicklichkeit auf das Regal.“ In beiden Fällen ist diese Doppelfigur, die fast schon eine Einheit bildet, ein Agent des Schicksals, jedoch, wenn man will, mit umgekehrten Vorzeichen. Bei Kafka vernichtet das Schicksal den Protagonisten, bei „Barbar Rosa“, greift es Mühler helfend unter die Arme, an einer Stelle ganz wörtlich, damit er sein Schicksal erfüllen und seinen Auftrag abschließen kann. In Kleins „Libidissi“ findet sich übrigens ebenfalls diese Doppelkonstellation, und hier handelt es sich um tatsächliche Agenten.

Die Figuren Kafkas geraten zumeist in Situationen, die Gesetzen folgen, welche sie nicht durchschauen können, und letztlich fügen sie sich in ihr Schicksal und gehen zugrunde. Auch die innere Logik „Barbar Rosas“ ist das Schicksal, denn Mühler folgt einfach einem Handlungsschema, durch das es ihm bisher stets gelungen war, und auch dieses Mal gelingen wird, seinen Auftrag erfolgreich auszuführen. Die Kausalzusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung werden damit ad absurdum geführt, doch versichert der Roman immer wieder, Mühler selbst, aber auch die Figuren in seinem Umfeld, dass alles so und nur so zu geschehen hat, und tatsächlich führt dies am Ende zum Erfolg. Kafka wie Klein suggerieren damit in ihren Texten eine innere Stringenz und Logik, die der Leser bloß nicht nachvollziehen kann, aus der er in gewissem Sinne ausgeschlossen bleibt. Damit wirken sie einerseits in sich geschlossen, sind aber andererseits so offen, dass sie sich interpretatorisch kaum zur Gänze auflösen lassen. Gerade dass Klein seinen Roman mit „Eine Detektivgeschichte“ untertitelt ist in dieser Hinsicht besonders absurd, denn wo etwa ein Conan Doyle seinen Detektiv mit messerscharfem Verstand Kausalzusammenhänge erschließen lässt, die zwar da sind, aber vom Leser übersehen werden und im Nachhinein nachvollzogen werden können, so lassen sich in „Barbar Rosa“ schlichtweg keine zwingenden logischen Sinnzusammenhänge beim Vorgehen Mühlers aufdecken. Dafür ist der Text so voller Verweise und Bezugsrahmen, dass der Leser ihnen fast schon detektivisch nachspüren kann.

Während Kafkas Sprache juristisch nüchtern und oft neutral wirkt, ist die Sprache Kleins, die er seinem Ich-Erzähler Mühler in den Mund legt, von einer bemühten Sachlichkeit, die manchmal schon an bräsige Gemütlichkeit grenzt, die eine Kaffeerunde vor Blümchentapete mit Sahnetorte evoziert, während inhaltlich ständig Tabugrenzen überschritten werden. Gerade diese Kluft zwischen vermeintlicher Sachlichkeit und Akribie der Sprache und ausschweifender Handlung führt natürlich zu einem Bruch, der ins Groteske, Lächerliche, Ironische schlägt. Diese neurotisch exakte Sprache verleiht Mühler seine vermeintliche Unschuld, während das sprachlich neutral Objektive die Hauptfiguren Kafkas unschuldig wirken lässt. Natürlich sind daher die Mittel bei beiden Autoren durchaus unterschiedlich, auch wenn sie letztlich denselben Effekt erzielen.

Mit dem Bezugsrahmen Kafka für den Roman „Barbar Rosa“ soll natürlich nicht angedeutet werden, dass Klein sich bei Kafka bediente, zumal wenn der Autor selbst diesen Bezugsrahmen ablehnt. Trotzdem kann er dabei helfen, für einige befremdlich wirkende und schwer einzuordnende Textstellen eine Lesart bereitzustellen. Keine Sorge, auch mit Kafka bleiben sie noch befremdlich genug.

„Barbar Rosa“ lässt sich zudem als Meta-Kommentar über das Schreiben selbst lesen. Wie Mühler juckt es den Autor in den Fingern, bevor er ans Werk geht, seine künstlerische Impotenz ist wie weggeblasen, er folgt beim Schreiben inneren Gesetzmäßigkeiten, die sich nie ganz logisch auflösen lassen und trotzdem dem Werk eine innere Schlüssigkeit verleihen, asketisch, besessen von seiner Arbeit, ernährt er sich, wie Mühler bei seiner Detektivarbeit, während des Schreibens nur von Pfefferminztee. Auch dies natürlich überspitze Klischees, ironische Brechung des künstlerisch schaffenden Schriftstellers.

Wer wie Klein mit seinen Romanen so schmatzend pralle Textgewebe produzieren kann, der hält auch einen Kafka-Vergleich mehr noch aus. Seine Texte wirken gleichzeitig in sich geschlossen und entziehen sich so sehr einer eindeutigen Interpretation, dass sie auch dies mit den Texten Kafkas teilen, die, auch indem sich Generationen von Literaturwissenschaftlern mit immer neuen Ansätzen an ihnen abgearbeitet haben, die Zeiten überdauerten. Dasselbe ist auch den Texten Georg Kleins zu wünschen. Insofern ist es ihm gelungen, einen Roman zu schreiben, der so voller Bezüge und Verweise ist, dass alle Rezensenten bei ihrer Einschätzung von „Barbar Rosa“ durchaus recht haben, es dem Roman aber trotzdem gelingt, sich einer einzig wahren, eindeutigen Interpretation zu entziehen.

Georg Klein – Barbar Rosa. Eine Detektivgeschichte. Alexander Fest Verlag, 2001.

Franz Kafka – Das Werk. Zweitausendeins, 2004.

Winfried Menninghaus – Ekel. Theorie und Geschichte einer starken Empfindung. Suhrkamp, 1999.

Hubert Spiegels aufschlussreiche Rezension in der FAZ von 2001.

Einen Überblick über die Rezensionen bei Erscheinen des Romans auf Perlentaucher.

Das Interview mit Georg Klein im Deutschlandradio.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s