Ernstfall, es ist schon längst soweit – Juan S. Guses „Lärm und Wälder“

Dystopien sind gerade sehr in Mode, was wohl vor allem daran liegt, dass dies eine Form ist, in der sich die gegenwärtige Stimmungslage besonders gut bündeln lässt. Eine Gesellschaft, die sich spätestens seit dem Börsencrash 2008 in einem Zustand der Dauerkrise befindet, möchte, zumindest literarisch, das bestätigt sehen, was man immer schon wusste: Das Ende ist nah. Auch wenn sich diese permanente Krise auf das alltägliche Leben für die meisten gar nicht spürbar auswirkt. Die Angst will sich bestätigt wissen. Der wohlige Grusel vor dem Untergang will zumindest in der Fiktion ausgelebt werden. Auch in „Lärm und Wälder“ erschafft der deutschen Autors Juan S. Guse eine Dystopie, allerdings auf so raffinierte Art und Weise, dass ein Blick auf den Roman allemal lohnt, denn hier ist es die Paranoia selbst im Angesicht einer diffusen Bedrohungslage, die verhandelt wird.

Bereits im Titel sind die beiden vermeintlichen Pole angedeutet, zwischen denen der Roman sich bewegt: dem Lärm der Städte und Menschen und der Stille der Wälder. Doch – und das ist gleichzeitig einer der vielen Clous – der Gegensatz zwischen Friede in der Natur und Krieg in der Gesellschaft ist ein Trugschluss. Rückzugsorte gibt es keine mehr. Der Friede entpuppt sich als Scheinfriede, die Aufstände, Unruhen und Revolten zwar als akute Bedrohungssituationen, nicht aber, wie einige Figuren im Roman annehmen, als Ende der Zivilisation.

In „Lärm und Wälder“ gibt es mehrere Ezählebenen: Der Hauptstrang handelt von Pelusa, die mit ihrer Familie in der Gated Community Nordelta vor den Toren Buenos Aires lebt, einer umzäunten und bewachten Wohnanlage am Rande der Großstadt. Ein vermeintlich sicherer Hafen für jeden, der es sich finanziell leisten kann, um den Unruhen in der Stadt zu entkommen, die sich jeden Moment zu einem Bürgerkrieg auszuweiten drohen.

Guse vermeidet es, seinen Roman konkret in der Zeit zu verorten. Es ist zunächst nicht ersichtlich, in welchen Zeitabständen sich die Erzählstränge abspielen, doch verdichten sich die scheinbar unzusammenhängenden Passagen im Laufe des Texts, und so schält sich allmählich eine fein verwobene Erzählung heraus, die nicht nur raffiniert konstruiert ist, sondern auch mit Spannung und überraschenden Wendungen aufwarten kann.

Was zunächst wie eine düstere Zukunftsvision erscheinen mag, wird im Laufe des Romans immer gegenwärtiger und beim Lesen beschleicht einen das ungute Gefühl, dass unsere Gegenwart gerade dabei ist, in genau so ein Szenario umzuschlagen, wie Guse es entwirft. Auch wir sehen uns mit einer meist diffusen Bedrohungslage konfrontiert, mit Terrorwarnungen, die oft eher abstrakt bleiben, einer gewissen Ratlosigkeit, wie wir mit der Verunsicherung umgehen sollen. Nachvollziehbar, wie die Figuren im Roman meinen, sich durch Abschottung schützen zu können. Doch Guse zeigt auch, wie fragil das Leben in dieser Gated Community ist. Er überzeichnet alltägliche Szenen, um dem Leser die Absurdität solch eines künstlichen Konstrukts vor Augen zu führen und macht klar, dass die Angst vor einer permanenten Bedrohung auch in der Abschottung bleibt und dass gerade sie es ist, die das Zusammenleben mindestens so sehr bedroht, wie eine Gefahr von außen. Unweigerlich denkt man an die Gated Communities etwa in Kapstadt, die hohe Kriminalitätsrate in US-amerikanischen Großstädten. Und wenn man es nicht vorher weiß, reibt man sich verwundert die Augen darüber, dass auch Nordelta keine Erfindung Guses ist, sondern dass diese Gated Community tatsächlich existiert.

Das liegt vor allem an Guses Art des Erzählens, bei dem es ihm gelingt, die Trennlinie zwischen Fiktion und Wirklichkeit so sehr zu verwischen, dass man beim Lesen eine ähnliche Verunsicherung empfindet, wie die Figuren in seinem Roman.

„Lärm und Wälder“ besteht aus knappen Textpassagen, die wie erzählerische Inseln aus dem Unbestimmten herausragen. Wie Schlaglichter, die in einem kleinen Ausschnitt das Dunkel erhellen. Umso stärker wird dadurch das Gefühl des Unbehagens, weil das, was nicht erzählt wird, die Zwischenräume und Auslassungen, die dunklen Stellen, wenn man so will, im Roman umso präsenter sind. Guse ist zwar ein deutscher Autor, hat jedoch argentinische Wurzeln und auch seinem Text sind die Bezüge zur südamerikanischen Erzähltradition anzumerken. Das Konzept, auf der einen Seite sozial und politisch relevant zu sein, gleichzeitig aber eine Erzählstrategie zu verfolgen, die den Roman nicht zu einem Protokoll der Wirklichkeit werden lässt, sondern alles literarisch überformt, erinnert an die Tradition des magischen Realismus lateinamerikanischer Gegenwartsautoren wie Cesar Aira. Wie er nutzt Guse etliche Verfahren, um Bekanntes zu destabilisieren, dem Vertrauten etwas Fremdes hinzuzufügen.

Es ist schon ungewöhnlich, wie „Lärm und Wälder“ es versteht, sein Thema vielschichtig, komplex und gleichzeitig ausgesprochen unterhaltsam zu vermitteln. Und ebenso ungewöhnlich ist auch, dass Juan S. Guse bei Erscheinen des Romans 2015 gerade mal 25 Jahre alt war und mit Lärm und Wälder sein Debut als Autor gab.

Juan S. Guse – Lärm und Wälder. S. Fischer Verlag, 2015.

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