… und an der Gegenwart krepiert die Leidenschaft – Peter Stamms „Weit über das Land“

Eine Bilderbuchfamilie, ein Ehepaar mit Sohn und Tochter, ist gerade aus dem Urlaub zurückgekehrt, und nun sitzt Thomas mit seiner Frau Astrid auf der kleinen Bank vor ihrem Häuschen in einer Schweizer Kleinstadt. Die beiden trinken noch ein Glas Rotwein in den letzten Strahlen der untergehenden Augustsonne. Als Astrid ins Haus geht, um die Koffer auszupacken und sich bettfertig zu machen, verlässt Thomas kommentarlos, ohne ein Wort des Abschieds, ohne Erklärung seine Familie. Kein Krach, kein Streit, kein großes Ehedrama. Einfach so lässt er sein ganzes Leben, das von außen so idyllisch und gelungen gewirkt haben muss, hinter sich und macht sich auf einen Weg „weit über das Land“.

Vordergründig handelt der Roman also davon, dass jemand einfach von jetzt auf nachher, ohne Vorwarnung, sein altes Leben hinter sich lässt und alle Brücken abbricht. Dem Schweizer Autor Peter Stamm geht es aber weniger um das Warum, als darum, sich eines Themas mit den Mitteln der Literatur, also mit Sprache, Struktur und Erzählhaltung, so anzunehmen, dass das Vertraute seine Selbstverständlichkeit verliert.

Worin liegt die literarische Qualität dieses Romans, in dem auch sprachlich, weder was Vokabular noch Syntax angeht, keine großen Geschütze aufgefahren werden? Stamms Sätze sind schlicht und schnörkellos und erwecken so einerseits den Eindruck einer gewissen Alltäglichkeit, andererseits gelingt es Stamm durch eine sehr bewusst eingesetzte Sprache, hinter die Oberfläche des scheinbar Bekannten zu blicken. Denn, und das ist das Überraschende, diese Sprache lässt weitaus mehr in der Schwebe, ist weitaus weniger eindeutig als man auf den ersten Blick meinen mag. Dasselbe gilt auch für die Erzählhaltung. Abwechselnd schildert Stamms Erzähler die Geschichte aus der Perspektive von Thomas, der seine Familie verlassen hat und Astrid, die mit den Kindern zurückgeblieben ist.

Die Landschaft, bei Stamm die Schweizer Alpen, ist nicht die stürmische Seelenlandschaft des Protagonisten. Astrid bemerkt zunächst Thomas‘ Verschwinden gar nicht, auch als dieser am nächsten Morgen nicht zum Frühstück erscheint, beunruhigt sie das noch nicht. Erst als sie allmählich begreift, was da vor sich geht, versucht sie ihren Mann zurückzuholen. Schließlich, als alles dafürspricht, dass Thomas nicht wiederkehren wird, bricht sich ihr Schmerz über den Verlust nicht in lauten hysterischen Dramen Bahn, sondern in stiller Trauer. Obwohl alles dagegen spricht, ist sie bis zum Schluss der festen Überzeugung, dass Thomas eines Tages zurückkehren wird.

Stamms Text ist keine große Welterklärungsmaschine, es findet sich keine entschiedene Psychologisierung der Figuren. Die Frage nach den Gründen steht zwar beständig im Raum, doch liefert der Roman keine direkt aus der Handlung ableitbare Antwort. Sicher, in Rückblenden, in kurzen Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit werden mögliche Gründe für Thomas‘ Weggehen angedeutet, aber einen konkreten Auslöser scheint es nicht zu geben. Im Gegenteil. Die unzuverlässige Erzählhaltung destabilisiert das Erzählte, öffnet es für ganz unterschiedliche Lesarten und Deutungen. Was zunächst wie ein realistischer Roman daherkommt, entpuppt sich auf den zweiten Blick als ein Text, dessen Handlung sich womöglich gar nicht widerspruchslos auflösen lässt, dem es vielleicht mehr um mögliche Wirklichkeiten geht als darum, die eine, vermeintlich einzig wahre Realität abzubilden, zumal es an einer Stelle heißt: „Die kleinste Entscheidung, der kleinste Zufall teilten die Wirklichkeit […] in unendlich viele Welten.“ Vielleicht tut der Roman bis zu einem gewissen Grad ja genau das. Er erzählt mögliche Welten parallel nebeneinander, und vielleicht sagt gerade diese Struktur mehr über Beziehungen aus, als es eine einfach gestrickte Küchenpsychologie je könnte: je vertrauter oder ähnlicher einem der Andere erscheint, je selbstverständlicher er wird, umso mehr verschwindet er. So gesehen ist Thomas‘ Aufbruch nicht der Abbruch seiner Beziehung zu Astrid, sondern ein Versuch, diese zu bewahren: „Wenn wir uns trennen, bleiben wir uns“. Nicht zuletzt dieses Motto aus Markus Werners Roman „Zündels Abgang“, das Stamm seinem Text voranstellt, deutet diese Lesart an, und doch erschöpft sich „Weit über das Land“ darin nicht.

Wer von Literatur Eindeutigkeit erwartet, die lehrreiche Aussage, die Moral von der Geschichte, wer erwartet, dass sie Widersprüche einebnet, wird mit Stamms nuanciertem, uneindeutigem Roman möglicherweise seine Schwierigkeiten haben. Wer von ihr aber keine vorgefertigten Antworten verlangt, sondern möchte, dass sie den Blick weit macht, ihn auch für die Brüche und Unvereinbarkeiten schärft, die jeder in sich trägt, und die bei genauerem Hinsehen auch ein wesentliches Element des Romans selbst sind, wird feststellen, dass Peter Stamm ein ausgesprochen doppelbödiger Erzähler ist, dem mit „Weit über das Land“ ein vielschichtiger Roman über menschliche Beziehungen – vor allem über deren Asymmetrien und Brüche – gelungen ist.

 Peter Stamm – Weit über das Land. S. Fischer, 2016.

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