Denken bis uns die Gartenlaube wackelt – Theodor W. Adornos „Minima Moralia“

Manche Texte brauchen ihre Zeit. Nicht nur muss man selbst Zeit investieren, um ihnen auch nur annähernd auf die Spur zu kommen oder überhaupt es in ihre Fahrtrinne zu schaffen, sodass man sich von ihnen mitreißen kann, sie müssen einem auch zu einer ganz bestimmten Zeit begegnen. Für manche kann es schon zu spät sein, wenn man auf sie stößt, in unserem Fall etwa Knut Hamsuns „Hunger“ (Nobelpreis?!? Wie konnte denn das passieren?), manche begegnen einem viel zu früh, so Adornos Minima Moralia. Nachdem sie über ein Jahrzehnt lang ungelesen im Bücherregal verbracht haben, übrigens in durchaus illustrer Gesellschaft zwischen Herman Melvilles „Moby Dick“ und Paul Celans Gesammelten Werken, ist jetzt also ihre Zeit gekommen. Sperrig waren sie uns vorgekommen, früher, dunkel und nebulös, voller Satzgebilde, die einem auch nach mehrmaligem Lesen sich nicht erschlossen, mit Reflexivpronomen, die uns hinterrücks angefallen haben, weil sie nicht dort sich fanden, wo wir sie erwartet hatten. Doch entdecken wir daneben viele Passagen, die zum zustimmenden Kopfnicken einladen, auch noch jenseits solcher, die es inzwischen auf die Kalenderblätter geschafft haben. Sicher gibt’s auch kein richtiges Leben im falschen. Schon klar.

Hach, Adorno. Eine wahre Fundgrube an verwertbaren Zitaten. Etwa dies hier aus dem mit „Monogrammen“ übertitelten Textabschnitt: „Zille klopft dem Elend auf den Popo.“ Genau so ist es. Ja gut, man sollte jetzt etwas mit dem Namen Zille anfangen können. Uns hat zufällig sein „Kalter Finger“ in Form einer an die Pinnwand gehefteten Postkarte aus Berlin ein gutes Stück unseres Lebens begleitet. Oder ein anderer Aphorismus, ebenfalls aus den Monogrammen: „Wir sagen und Ich meinen ist eine von den ausgesuchtesten Kränkungen.“ (S.252)

Wie wahr: Wer Wir sagt, schließt das andere Subjekt ungefragt in seine Aussage mit ein, beraubt es so seines freien Willens, indem es ihm keine andere Wahl lässt und macht es also in der Folge bloß noch zum Objekt des eigenen Willens. Oder so ähnlich… Manche Aussagen Adornos überdauern mühelos die Zeiten, andere regen zum Widerspruch an und wieder andere klingen zunächst stimmig, doch je länger wir darüber nachdenken, umso zweifelhafter erscheinen sie uns: Ist es wirklich sinnvoll, im Zeitalter einer digitalen Ich-Flut selbst immer wieder nur im Ich-Chor munter mitzuquaken? Oder anders: ist es zwingend nötig, fortlaufend Ich zu sagen, in den egozentrischen Zeitgeist einzustimmen, der dem eigenen Ich so unglaublich viel Wert beimisst, dass man in sozialen Netzwerken noch das letzte Darmrumoren, das einen im Malediven-Urlaub geplagt hat, mit anderen teilen muss?

Wir halten es für legitim auch mal auf dieses Ich zu verzichten, in der möglicherweise irrigen Annahme, dass nicht alles Gesagte nur im Kontext der eigenen Gestimmtheit und Befindlichkeit Geltung haben sollte. Vielleicht ist es überheblich sich einzubilden, dass unsere Ansichten, die selbstverständlich immer persönliche Ansichten sind, auch einen argumentativen Wert besitzen könnten, der sich nicht nur aus dem rein Subjektiven speist. Zumal wir der festen Überzeugung sind, dass Ich überhaupt kein rhetorisches Argument darstellen kann. Ich-gestützte Debatten enden meist sehr schnell (oder sollten es zumindest), wenn ein Ich etwas so findet, und ein anderes Ich eben anders. Natürlich ist das auch bei den meisten, nicht offensichtlich Ich-bezogenen Diskussionen der Fall, nur will uns nicht einleuchten, warum dieses Ich sich ständig selbst zur Sprache bringen muss. Es buhlt penetrant um Aufmerksamkeit und Bedeutung, doch was unterscheidet dann, moralisch sozusagen, den narzisstischen Ich-Terror von der von Adorno gerügten Wir-Bevormundung? Während das Wir dem anderen immerhin Komplizenschaft unterstellt, schert sich das Ich um kaum jemand anderen als sich selbst. Wir würden es bei diesem Thema dann doch lieber mit Ernst Bloch halten, der in seinem „Prinzip Hoffnung“ an einer Stelle sinngemäß feststellt, dass sich noch der Derwisch, der sich um die eigene Achse dreht, für einen Planeten hält, der um die Sonne kreist.

Doch zurück zur Minima Moralia. Wir sprechen über sie nicht ganz neutral, sondern lieber als Wir, weil wir nicht den Eindruck erwecken wollen, wir hätten uns etwa ganz ernsthaft in die kritische Theorie vertieft. Nein, wir haben bloß die Minima Moralia gelesen, sind auch nur interessierte Laien. Vielleicht war das ein Grund, dass sie über die Jahre Staub angesetzt hatten. Wir wollten ihnen nicht Unrecht tun, wollten uns nicht anmaßen, etwas dazu zu denken, ohne das mühsam erworbene Rüstzeug eines Adorno-Exegeten. Warum haben wir es also trotzdem getan? Zum einen weil wir dann doch ganz Kinder unserer Zeit sind, auch wenn wir es nicht in jedem Augenblick zur Schau stellen wollen, und uns wie alle Welt nun auch nicht mehr scheuen, auch zu Dingen unsere Meinung zu sagen, von denen wir eigentlich keine Ahnung haben. Zum anderen, weil wir einige Aphorismen sehr treffend fanden – in manchen Analysen schien uns Adorno sehr weitsichtig, während er etwa für den Film blind geblieben ist – und obwohl uns vieles widersprüchlich und dunkel blieb, dachten wir sofort an die gegenwärtige Flüchtlingsangst, bei Sätzen wie:

Die Bürger haben ihre Naivetät verloren und sind darüber ganz verstockt und böse geworden. Die bewahrende Hand, die immer noch ihr Gärtchen hegt und pflegt, als ob es nicht längst zum ‚lot‘ geworden wäre, aber den unbekannten Eindringling ängstlich fernhält, ist bereits die, welche dem politischen Flüchtling das Asyl verwehrt.“ (S.34)

Auch der heute allgegenwärtige Wutbürger funkelt uns von einer Stelle aus böse an:

Der Wütende erscheint stets als der Bandenführer seiner selbst, der seinem Unbewußten den Befehl erteilt, dreinzuschlagen, und aus dessen Augen die Genugtuung leuchtet, für die vielen zu sprechen, die er selbst ist.“ (S.50)

Und auch über die zur Zeit gerne als Lügenpresse diffamierten Medien finden wir etwas:

Es ist dahin gekommen, daß Lüge wie Wahrheit klingt, Wahrheit wie Lüge. Jede Aussage, jede Nachricht, jeder Gedanke ist präformiert durch die Zentren der Kulturindustrie. Was nicht die vertraute Spur solcher Präformation trägt, ist vorweg unglaubwürdig, um so mehr, als die Institutionen der öffentlichen Meinung dem, was sie aus sich entlassen, tausend faktische Belege und alle Beweiskraft mitgeben, deren die totale Verfügung habhaft werden kann.“ (S.138)

Aber, um die Aussage nicht aus dem Kontext zu reißen und dem aufrecht Empörten (der ja eigentlich nichts gegen diesen und jenen hat, ABER…) das Augurenlächeln aus dem Gesicht zu wischen:

Was immer die Demokratien an Humanem ihm [i.e bei Adorno dem dt. Faschismus, doch wir meinen, dies gilt für heutige totalitäre Regime nicht weniger] entgegenzustellen haben, kann er spielend widerlegen mit dem Hinweis darauf, daß es ja doch nicht die ganze Humanität, sondern bloß ihr Trugbild sei, dessen er mannhaft [und wir merken an: was gibt es Mannhafteres als mit nacktem Oberkörper durch die südsibirische Steppe zu reiten?] sich entäußerte. So desperat aber sind die Menschen in der Kultur geworden, daß sie auf Abruf das hinfällige Bessere fortwerfen, wenn nur die Welt ihrer Bosheit den Gefallen tut zu bekennen, wie böse sie ist. Die politischen Gegenkräfte jedoch sind gezwungen, selbst immer wieder der Lüge sich zu bedienen, wenn nicht gerade sie als destruktiv völlig ausgelöscht werden wollen. Je tiefer ihre Differenz zum Bestehenden, das ihnen doch Zuflucht gewährt vor der ärgeren Zukunft, um so leichter fällt es den Faschisten, sie auf Unwahrheiten festzunageln.“ (S.139)

Vermutlich wäre Adorno unsere Dreistigkeit bitter aufgestoßen, seine Minima Moralia als Sprüchebüchlein zu missbrauchen. Er hätte uns vermutlich seicht und allzu subjektiv bei der Auslegung seiner Texte gefunden. Wir würden ihm da gar nicht widersprechen wollen. Allerdings stecken die Minima Moralia so voll von Gebrauchskommentaren, dass wir uns erdreisten wollen, hin und wieder trotzdem darauf zurückzugreifen.

Theodor W. Adorno – Minima Moralia. Bibliothek Suhrkamp, 2001.

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