Archiv der Kategorie: Rezension

Denken bis uns die Gartenlaube wackelt – Theodor W. Adornos „Minima Moralia“

Manche Texte brauchen ihre Zeit. Nicht nur muss man selbst Zeit investieren, um ihnen auch nur annähernd auf die Spur zu kommen oder überhaupt es in ihre Fahrtrinne zu schaffen, sodass man sich von ihnen mitreißen kann, sie müssen einem auch zu einer ganz bestimmten Zeit begegnen. Für manche kann es schon zu spät sein, wenn man auf sie stößt, in unserem Fall etwa Knut Hamsuns „Hunger“ (Nobelpreis?!? Wie konnte denn das passieren?), manche begegnen einem viel zu früh, so Adornos Minima Moralia. Nachdem sie über ein Jahrzehnt lang ungelesen im Bücherregal verbracht haben, übrigens in durchaus illustrer Gesellschaft zwischen Herman Melvilles „Moby Dick“ und Paul Celans Gesammelten Werken, ist jetzt also ihre Zeit gekommen. Sperrig waren sie uns vorgekommen, früher, dunkel und nebulös, voller Satzgebilde, die einem auch nach mehrmaligem Lesen sich nicht erschlossen, mit Reflexivpronomen, die uns hinterrücks angefallen haben, weil sie nicht dort sich fanden, wo wir sie erwartet hatten. Doch entdecken wir daneben viele Passagen, die zum zustimmenden Kopfnicken einladen, auch noch jenseits solcher, die es inzwischen auf die Kalenderblätter geschafft haben. Sicher gibt’s auch kein richtiges Leben im falschen. Schon klar. Denken bis uns die Gartenlaube wackelt – Theodor W. Adornos „Minima Moralia“ weiterlesen

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… und an der Gegenwart krepiert die Leidenschaft – Peter Stamms „Weit über das Land“

Eine Bilderbuchfamilie, ein Ehepaar mit Sohn und Tochter, ist gerade aus dem Urlaub zurückgekehrt, und nun sitzt Thomas mit seiner Frau Astrid auf der kleinen Bank vor ihrem Häuschen in einer Schweizer Kleinstadt. Die beiden trinken noch ein Glas Rotwein in den letzten Strahlen der untergehenden Augustsonne. Als Astrid ins Haus geht, um die Koffer auszupacken und sich bettfertig zu machen, verlässt Thomas kommentarlos, ohne ein Wort des Abschieds, ohne Erklärung seine Familie. Kein Krach, kein Streit, kein großes Ehedrama. Einfach so lässt er sein ganzes Leben, das von außen so idyllisch und gelungen gewirkt haben muss, hinter sich und macht sich auf einen Weg „weit über das Land“. … und an der Gegenwart krepiert die Leidenschaft – Peter Stamms „Weit über das Land“ weiterlesen

Ernstfall, es ist schon längst soweit – Juan S. Guses „Lärm und Wälder“

Dystopien sind gerade sehr in Mode, was wohl vor allem daran liegt, dass dies eine Form ist, in der sich die gegenwärtige Stimmungslage besonders gut bündeln lässt. Eine Gesellschaft, die sich spätestens seit dem Börsencrash 2008 in einem Zustand der Dauerkrise befindet, möchte, zumindest literarisch, das bestätigt sehen, was man immer schon wusste: Das Ende ist nah. Auch wenn sich diese permanente Krise auf das alltägliche Leben für die meisten gar nicht spürbar auswirkt. Die Angst will sich bestätigt wissen. Der wohlige Grusel vor dem Untergang will zumindest in der Fiktion ausgelebt werden. Auch in „Lärm und Wälder“ erschafft der deutschen Autors Juan S. Guse eine Dystopie, allerdings auf so raffinierte Art und Weise, dass ein Blick auf den Roman allemal lohnt, denn hier ist es die Paranoia selbst im Angesicht einer diffusen Bedrohungslage, die verhandelt wird. Ernstfall, es ist schon längst soweit – Juan S. Guses „Lärm und Wälder“ weiterlesen