Archiv der Kategorie: Textschwemme

… und an der Gegenwart krepiert die Leidenschaft – Peter Stamms „Weit über das Land“

Eine Bilderbuchfamilie, ein Ehepaar mit Sohn und Tochter, ist gerade aus dem Urlaub zurückgekehrt, und nun sitzt Thomas mit seiner Frau Astrid auf der kleinen Bank vor ihrem Häuschen in einer Schweizer Kleinstadt. Die beiden trinken noch ein Glas Rotwein in den letzten Strahlen der untergehenden Augustsonne. Als Astrid ins Haus geht, um die Koffer auszupacken und sich bettfertig zu machen, verlässt Thomas kommentarlos, ohne ein Wort des Abschieds, ohne Erklärung seine Familie. Kein Krach, kein Streit, kein großes Ehedrama. Einfach so lässt er sein ganzes Leben, das von außen so idyllisch und gelungen gewirkt haben muss, hinter sich und macht sich auf einen Weg „weit über das Land“. … und an der Gegenwart krepiert die Leidenschaft – Peter Stamms „Weit über das Land“ weiterlesen

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Ernstfall, es ist schon längst soweit – Juan S. Guses „Lärm und Wälder“

Dystopien sind gerade sehr in Mode, was wohl vor allem daran liegt, dass dies eine Form ist, in der sich die gegenwärtige Stimmungslage besonders gut bündeln lässt. Eine Gesellschaft, die sich spätestens seit dem Börsencrash 2008 in einem Zustand der Dauerkrise befindet, möchte, zumindest literarisch, das bestätigt sehen, was man immer schon wusste: Das Ende ist nah. Auch wenn sich diese permanente Krise auf das alltägliche Leben für die meisten gar nicht spürbar auswirkt. Die Angst will sich bestätigt wissen. Der wohlige Grusel vor dem Untergang will zumindest in der Fiktion ausgelebt werden. Auch in „Lärm und Wälder“ erschafft der deutschen Autors Juan S. Guse eine Dystopie, allerdings auf so raffinierte Art und Weise, dass ein Blick auf den Roman allemal lohnt, denn hier ist es die Paranoia selbst im Angesicht einer diffusen Bedrohungslage, die verhandelt wird. Ernstfall, es ist schon längst soweit – Juan S. Guses „Lärm und Wälder“ weiterlesen

Betrügen ohne Betrug – Georg Kleins „Barbar Rosa“

Mit einem Auszug aus „Barbar Rosa“ räumte Georg Klein bereits 2000 den Ingeborg Bachmann-Preis ab, als der Roman dann 2001 erschien, wurde er von den Rezensenten im Großen und Ganzen hoch gelobt. Ein „postmoderner Reflex auf den klassischen Bildungsroman“ sei dies, ein „Männerroman“, ein „romantischer Finsternisroman“, doch kein „Berlin-Roman“, wie man zunächst erwartet hatte, eher die „Dekonstruktion der klassischen Detektivgeschichte“. Hubert Spiegel, und nicht nur er, findet in seiner Romanbesprechung in der FAZ Verweise auf Thomas Pynchon, ETA Hoffmann, Joseph Goebbels und Christoph Schlingensief, Jeff Koons und Andy Warhol. Der Roman verhöhne die Aufklärung, zitiere nachsichtig und liebevoll die Romantik, huldige mit Widerwillen der Postmoderne. Und der Titel? Ein Warten auf die Barbaren am Ende eines düster dystopischen deutschen römischen Reiches und natürlich die Sage von Barbarossa im Kyffhäuser. Betrügen ohne Betrug – Georg Kleins „Barbar Rosa“ weiterlesen